FGSV
In diesem Jahr findet vom 5. bis 7. Oktober der Deutsche Straßen- und Verkehrskongress mit Fachausstellung „Straßen und Verkehr“ in Dortmund nach fast vier Jahren coronabedingter Unterbrechung wieder statt. Straßenverkehrstechnik nimmt dies zum Anlass, mit der Vorsitzenden der Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen (FGSV), Elfriede Sauerwein-Braksiek, zu sprechen.
Sehr geehrte Frau Sauerwein-Braksiek, in diesem Jahr findet endlich wieder der Deutsche Straßen- und Verkehrskongress statt. Der letzte Kongress in Erfurt liegt fast vier Jahre zurück. Wie groß ist daher die Freude, dass der „FGSV-Kongress“ endlich wieder stattfinden kann?
Die Freude ist riesengroß. Ich freue mich auf die vielen Gäste, die am Kongress teilnehmen, darunter sogar der Bundesverkehrsminister, sowie auf die mehr als 100 Aussteller, die die Westfalenhalle und die komplette Halle 1 der Westfalenhallen bespielen und auch die Außenflächen vor der Halle. Endlich trifft man wieder Fachleute rund um das Straßen- und Verkehrswesen persönlich und kann in lockerer Atmosphäre netzwerken und über die unterschiedlichsten Themen diskutieren.
Den meisten Lesern sind Sie in Ihrer Funktion als Direktorin der westfälischen Niederlassung der Autobahn GmbH des Bundes bekannt. Seit 2016 sind Sie jedoch auch die Vorsitzende der FGSV. Viele unserer Leser sind selbst aktiv in der FGSV. Dennoch gibt es auch viele, die noch nicht so lange dabei sind oder für die die FGSV noch relativ unbekannt ist. Was zeichnet die Arbeit der FGSV aus? Wie ist die FGSV organisiert?
Die FGSV ist ein Verein, wir haben einen Vorstand, eine Mitgliederversammlung, diverse Arbeitsgruppen, Kommissionen und Ausschüsse zu den wichtigen Themen rund um das Straßen- und Verkehrswesen. Bei uns kommen 2.500 Experten aus Straßenbauverwaltungen, der Bauwirtschaft, den Ingenieurbüros sowie aus Wissenschaft und Forschung zusammen und arbeiten in den Gremien an einer ständigen Optimierung und Weiterentwicklung der technischen Regelwerke. Dabei freuen wir uns besonders über den Nachwuchs, der neue und moderne Sichtweisen in unsere Arbeit bringt.
Mit Blick auf den Kongress in Dortmund finden sich somit die einzelnen Ausschüsse und Arbeitskreise im Programm wieder. Was erwartet die Teilnehmer? Und an wen richtet sich das Kongressprogramm?
Unser Programm schließt niemanden aus. Aber wir haben uns bemüht, ein Programm auf die Beine zu stellen, das die Fragen der Zeit behandelt. Dazu gehören Nachhaltigkeit und Klimaschutz genauso wie die Steuerung des Verkehrs, die Planungsprozesse im Straßenbau und die Verzahnung der unterschiedlichen Verkehrssysteme.
Können Sie Beispiele nennen? Zu welchen Vorträgen oder Workshops würden Sie gehen?
Ich würde mich dafür interessieren, was die FGSV erarbeitet hat im Hinblick auf die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen. Dazu haben in diesem Jahr aktuell zwei Sitzungen stattgefunden. Deren Impulse sollen auf alle Arbeitsbereiche ausstrahlen. Darüber hinaus behandeln wir erstmalig in so großer Runde die „RSA 21“, die nach 25 Jahren die alten Richtlinien der Arbeitssicherung an Straßen abgelöst haben. Dabei geht es darum, schnell und effektiv zu bauen und trotzdem für die notwendige Verkehrssicherheit zu sorgen.
Ein Blick in die Zukunft, was sind da die entscheidenden Themen aus Ihrer Sicht?
Auch die FGSV kommt natürlich nicht am Thema BIM (Building Information Modeling) vorbei, die Digitalisierung überhaupt wird zunehmend an Bedeutung in unserer Branche gewinnen. Hier gilt es, nationale und internationale Aktivitäten zusammenzuführen, eine gemeinsame „Sprache“ zu entwickeln, damit der Brückenbauer und der Tiefbauer zusammenarbeiten können. BIM wird den vollständigen Lebenszyklus der Straßen abdecken können. Und dann ist da natürlich das Thema E-Mobilität. Schon vor vier Jahren in Erfurt haben wir darüber geredet, mittlerweile hat die FGSV Hinweise entwickelt zur Elektromobilität in Städten und Gemeinden, aber auch zur Ladeinfrastruktur und zur Nutzung in Verbindung mit dem ÖPNV und dem autonomen Fahren. Da merkt man mal wieder: Alles hängt mit allem zusammen, und auch das wollen wir beim Kongress behandeln.
Unsere Straßen und Brücken kommen in die Jahre, genügen unsere heutigen Methoden noch, um einer leidenden Infrastruktur entgegenzuwirken?
Das Erhaltungsmanagement in Deutschland, die systematische Zustandserfassung und -bewertung ZEB), ist aus meiner Sicht ein Erfolgsmodell. Aber nach 40 Jahren müssen wir nachjustieren, moderne Daten- und Erfassungstechnologien wie z. B. die Erfassung per Laser nutzen, um unsere Straßen auch für die Zukunft fit zu halten. Das gilt aktuell auch immer mehr für den kommunalen Bereich, bspw. beim Erhaltungsmanagement von Radwegen. Übrigens: Zu diesem Themenbereich gehört auch, dass wir die Fahrbahnoberflächen generell haltbarer machen und dabei sicherer und leiser, ebenfalls ein Thema, was eine große Rolle in der Arbeit der FGSV und seiner Experten spielt. Dabei geht es auch um Ressourcenschonung und Energiesparen, also bspw. durch Asphaltrecycling und den Einbau von sogenanntem Niedrigtemperaturasphalt.
Unsere Straßen sind voll, wie können Bund, Länder und Kommunen dem Herr werden?
Ich bin ein großer Fan der Telematik, das hilft schon viel. Im Ruhrgebiet haben wir schon früh mithilfe telematischer Anlagen Verkehre verlagert, um die Kapazitäten optimal zu nutzen. Deswegen fahren heute in Teilen mehr als 100.000 Fahrzeuge täglich über eine vierspurige Autobahn, was eigentlich gar nicht funktionieren kann. Aber auch da dürfen wir nicht stehen bleiben, sondern müssen neue Technologien, Produkte und Anwendungen proben und den Straßenverkehr mit dem Individualverkehr, dem ÖPNV und dem Güterverkehr vernetzen, denn ich habe nicht das Gefühl, dass der Verkehr und vor allem auch die Lieferdienste in den nächsten Jahren abnehmen. Das heißt, Telematik alleine wird auf Dauer nicht ausreichen, sondern sie muss heute und in Zukunft „mit den Autos sprechen“, also mit der Technik des autonomen Fahrens verknüpft werden, mit den Service-Apps zur Navigation, die wir heute alle nutzen, verbunden werden.
Das alles klingt in der Tat nach einem vollen und vielschichtigen Kongressprogramm, da sollte wirklich für jeden etwas dabei sein. Rechnen Sie wieder mit
1.500 Besuchern wie vor vier Jahren?
Aber ja, die Anmeldungen gehen schon jetzt in diese Richtung. Darüber hinaus haben wir für den Nachwuchs eine Posterausstellung, die dem wissenschaftlichen Nachwuchs die Möglichkeit bietet Forschungsprojekte zu präsentieren und darüber zu diskutieren. Am Abschlusstag treffen wir uns zum Klimaforum und über die „Mobilität der Zukunft“ spricht Prof. Axel Hahn in seinem Festvortrag am Donnerstag.
Wird es auch ein digitales Angebot geben? Sprich: ist die Veranstaltung hybrid geplant?
Nein, da muss ich passen. Wobei wir Teile des Kongresses im Nachgang auf YouTube darstellen werden. Ich meine einfach, dass der FGSV-Kongress vor allem davon lebt, sich persönlich vor Ort zu treffen. Und das ist ja derzeit wieder möglich.
Wird es in Dortmund auch wieder eine Fachausstellung geben? Was sind die Highlights, die den Besucher erwarten?
Die Ausstellung, die übrigens kostenfrei zu besuchen ist, füllt die Westfalenhalle, die Ausstellungshalle 1, und den Außenbereich. Die obersten Straßenbauverwaltungen der Bundesländer sind genauso präsent wie die Organisationen des Bundes. Ingenieurbüros demonstrieren ihre Fähigkeiten, Straßenausstatter, Straßenbaufirmen und Baustofflieferer stehen Seite an Seite mit den Wissenschaftlern und den Fachverlagen. In den Pausen des Kongresses wird also keine Langeweile aufkommen, das garantiere ich. Ach ja, und natürlich haben wir auch wieder eine unterhaltsame Abendveranstaltung im Programm, wo wir beim letzten Mal 700 Gäste begrüßen durften. Der „Feier-Abend“ wird in der Signal-Iduna-Arena stattfinden.