FSV
Folgend die Kurzfassung einer eingereichten Masterarbeit von Theresa Boiger, Universität Graz, zum FSV-Preis 2021:
In den letzten Jahren werden Bewohner von Städten immer mehr dazu ermutigt das Fahrrad als Fortbewegungsmittel zu nutzen, nicht nur aus Gründen der Nachhaltigkeit, sondern auch aus Gründen der Gesundheit und des Platzmangels für Verkehr in Städten. Neben diesen positiven Aspekten und obwohl Radfahren im Allgemeinen das Niveau der Verkehrsgefährdung reduziert, gibt es immer noch Risiken und Gefahren für Radfahrer. Sie teilen sich einen gemeinsamen Raum mit anderen Verkehrsteilnehmern, was unweigerlich zu riskanten Situationen und Unfällen führt. Das Sicherheitsempfinden von Radfahrern ist von hoher Relevanz, da es Verhalten und Entscheidungen beeinflusst.
Ein wichtiger Aspekt in Hinblick auf diese Ängste und Gefahren ist die Heterogenität der Radfahrer, denn die Umgebung wird subjektiv wahrgenommen. In Bild 3 wird verdeutlicht, dass die Länge einer Radstrecke abhängig von der Infrastruktur unterschiedlich wahrgenommen wird. Durch die daraus entstehende individuelle Angst fallen auch Entscheidungen individuell unterschiedlich aus. Daher ist es relevant zu verstehen, welche Faktoren bei Radfahrern Angst auslösen und wie sie auf Angst reagieren. Dies kann Aufschluss darüber geben, welche Anreize für Menschen gegeben werden können, mehr mit dem Fahrrad zu fahren, und welche Bedeutung eine angemessene Gestaltung von Verkehrsnetzen für den Wohlfühlfaktor hat.

Bild 1: Beispielansicht des Modells in Netlogo
Das Ziel der Masterarbeit war es, den Einfluss von subjektiver Wahrnehmung von Angst auf die Routenwahl von Radfahrern zu untersuchen. Angstauslöser für Radfahrer in Verkehrssituationen sollen identifiziert werden und die Reaktion von Radfahrern auf Angst in Bezug auf die Routenwahl erforscht werden. Die Forschungsfrage der Masterarbeit lautete: Welchen Einfluss hat Angst als Entscheidungsfaktor auf das Radverkehrssystem?
Zur Beantwortung der Forschungsfrage wurde als methodischer Ansatz ein Mixed-Methods Approach gewählt: Ausgehend von einer Literaturrecherche, die die Ursachen für Angst von Radfahrer und die Einflussfaktoren auf die Entscheidungen im Straßenverkehr aufzeigt, wurde die Fragestellung mithilfe eines agentenbasierten Modells weiter untersucht. Das Modell ist ein Erklärungsansatz und wurde verwendet, um Simulationen zu machen, Daten zu generieren und daraus Schlussfolgerungen zu ziehen. Zuletzt wurde das Modell auf Basis von Experten-Interviews validiert.
Ein Modell ist eine vereinfachte Darstellung der Wirklichkeit, das es ermöglicht, Systeme besser zu verstehen, und mit dem Experimente durchgeführt werden können, die in der Realität nicht möglich wären. Agenten-basierte Modelle basieren auf dem Grundgedankten der bottom-up-Modellierung, bei der Entscheidungen von einzelnen Individuen (Agenten) zu Effekten im Gesamtsystem führen. In diesem Fall sind die Agenten Radfahrer, die Entscheidungen über eine Routenwahl treffen, und damit die Menge an Radverkehr in Städten beeinflussen. Zur Modellierung wurde zusätzlich ein Konzept aus der Ökologie, „the landscape of fear“, herangezogen, das den Einfluss von Angst in einem Räuber-Beute-System beschreibt. Dieses Konzept des Einflusses von Angst auf die Entscheidungen von Individuen in einer Landschaft wird auf das Radverkehrssystem übertragen, was die Grundlage für den Aufbau des agentenbasierten Modells bildet.
Für das Modell wurde ein Fallbeispiel definiert, das einen Teil des Radverkehrssystems der Stadt Graz darstellt: Das Radverkehrsnetz zwischen Jakominiplatz und Merangasse wurde in einem Modell in der Programmiersprache Netlogo umgesetzt (Bild 1). Die Einflussfaktoren für die Routenentscheidung, die in das Modell einfließen, sind der Faktor Angst, basierend auf Infrastrukturtypen, Autoverkehr, Radverkehr, und der Faktor Zeit, d. h. die Gesamtzeit, die für eine Route benötigt wird.

Bild 2: Version 1 - Faktor Angst, Verteilung von Radfahrern

Bild 3: Version 2 - Faktoren Angst und Zeit. Verteilung von Radfahrern
Das Modell wurde in drei Versionen simuliert, um unterschiedliche Effekte sehen zu können. Bild 2 zeigt das Ergebnis der Version 1, bei der es um den Einfluss des Faktors Angst alleine geht. Die Straßen sind nach Art der Infrastruktur und Gefährlichkeit eingefärbt. Die Linienstärke gibt an, wie viele Radfahrer im Durchschnitt auf jedem Straßenabschnitt unterwegs sind. Es zeigt sich, dass die Radfahrer zum großen Teil auf sicheren Infrastrukturen fahren. Jedoch gibt es auch eine subjektive Wahrnehmung, die zu unterschiedlichen Routenentscheidungen führt. Außerdem reicht es für manche Radfahrer aus, wenn der Großteil der Strecke sicher ist, und sie nehmen dafür kleine Teile von gefährlicher Infrastruktur in Kauf.
Bild 3 zeigt Version 2 des Modells, das den trade-off zwischen den beiden Faktoren Angst und Zeit abbildet. Im Vergleich zu Version 1 versuchen Radfahrer auf ihren Routen schnell zu sein, aber dennoch auf einer der sichersten Routen zu bleiben. Vor allem die ängstlicheren Radfahrer bevorzugen sicherere Routen und sind bereit, eine längere Strecke zu fahren, während die mutigen Radfahrer auf Kosten der Sicherheit Zeit sparen.

Bild 4: Version 3 - Faktoren Angst, zeit und Menge im Radverkehr, Verteilung von Radfahrern
In Version 3, gezeigt in Bild 4, hat zusätzlich die Menge des Radverkehrs einen Einfluss auf die Routenwahl, d. h. Strecken mit weniger Radverkehr werden bevorzugt, da hoher Radverkehr auch ein Auslöser für Angst sein kann. Es ist zu beobachten, dass Radfahrer hier auf andere Routen ausweichen, um zu viel Radverkehr zu vermeiden. Ein Adaptierungseffekt setzt ein, bei dem Radfahrer mehr verfügbare Ressourcen nutzen und sich auf das Radverkehrssystem aufteilen anstatt alle auf einer Route zu fahren. In diesem angepassten Radverkehrssystem nimmt jedoch die Gesamtangst im System deutlich zu, da Radfahrer nicht mehr ihre bevorzugte Route wählen und somit ihre individuellen Ängste steigen.
Zur Validierung des Modells und der Ergebnisse wurden Experteninterviews durchgeführt. Interviewpartner wurden danach ausgewählt, dass sie ein generelles Verständnis für den Radverkehr und das Verhalten von Radfahrern haben. Die Personen stammten aus der städtischen Verkehrsplanung, der Verkehrsmodellierung, der Forschung im Bereich Mobilitätsmanagement und der Fahrradlobby. Zur Auswertung der Experteninterviews wurde eine qualitative Inhaltsanalyse durchgeführt.
Die Ergebnisse der Masterarbeit zeigen, dass es aufgrund der unterschiedlichen Wahrnehmungen nicht die eine richtige Lösung für alle Radfahrer gibt. Entscheidend ist die bereitgestellte Infrastruktur im Radverkehrssystem: Gibt es viele gefährliche Strecken, haben Radfahrer wenige akzeptable Wahlmöglichkeiten, wohingegen bei einer höheren Zahl an sicheren Routen mehr Möglichkeiten bestehen und jeder Radfahrer die Routenwahl an seine Bedürfnisse anpassen kann. Daher reicht es auch nicht aus, nur einen sicheren Weg anzubieten. Es sollte verschiedene Möglichkeiten für verschiedene Gruppen von Radfahrer geben: Ängstliche Radfahrer bevorzugen durchgehende Radwege ohne Fußgänger, nehmen dafür aber auch einen kleinen Umweg in Kauf; mutige Radfahrer bevorzugen eher Radstreifen, auf dem sie andere Radfahrer bei starkem Radverkehr leicht überholen können, solange die Route so schnell wie möglich ist. Doch auch innerhalb dieser Gruppen gibt es individuell unterschiedliche Wahrnehmungen und damit unterschiedliche Präferenzen. Zusammenfassend würde das Bereitstellen von mehreren akzeptablen Routen anstatt nur einer sicheren Route aufgrund der subjektiven Wahrnehmungen nicht nur eine bessere Verteilung der Radfahrer bewirken, sondern auch eine geringere Angst im System.
Daraus lässt sich schlussfolgern, dass Angst und Zeit einen signifikanten Einfluss auf die Routenentscheidung im Radverkehrssystem haben. Dennoch muss erwähnt werden, dass die Routenwahl komplex ist und auch von vielen anderen Faktoren beeinflusst wird. Auch Angst und Zeit selbst werden von mehr als einem Faktor beeinflusst. Bspw. können an Kreuzungen Situationen auftreten, die zu Angst führen. Auch die Zeit hängt nicht nur von der Fahrgeschwindigkeit, sondern auch von Staus und Ampeln ab. Ein weiterer Faktor, der die Grundlage für weitere Untersuchungen bilden kann, ist die Durchgängigkeit von Radwegen und ihr Einfluss auf die Attraktivität für Radfahrer, aber auch auf das Angstniveau. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass weitere Forschung erforderlich ist, um ein Gesamtverkehrssystem zu finden, das den Bedürfnissen der verschiedenen Gruppen von Radfahrern und anderen Verkehrsteilnehmern gerecht und gleichzeitig das individuelle Angstempfinden berücksichtigt wird.