Interview

Die Regelwerkserarbeitung darf keine männliche Domäne sein

Vom 4. bis 5. Mai lädt die FGSV zur Asphaltstraßentagung in Aachen ein. Auf der Fachveranstaltung können sich Fachleute und Interessierte über die neuesten Entwicklungen und Herausforderungen in der Asphaltbauweise informieren und austauschen. Straße und Autobahn nahm dies zum Anlass mit Dr. Knut Johannsen, Leiter Forschung & Technik bei VINCI Construction bzw. EUROVIA und Leiter der FGSV-Arbeitsgruppe 7 „Asphaltbauweisen“, über die Tätigkeiten der AG 7 und die die Zukunft der Asphaltbauweise zu sprechen.

Sehr geehrter Herr Dr. Johannsen, welches sind die wesentlichen Aufgaben der Arbeitsgruppe 7?
Knut Johannsen: Die Arbeitsgruppe Asphaltbauweisen hat im Wesentlichen die Aufgabe, das Technische Regelwerk für die Bauweise zu entwickeln und der gesamten Branche zur Verfügung zu stellen. Sie stellt sozusagen das Kompetenznetzwerk für den gesamten Baustoff Asphalt und seine Anwendungen dar. Dabei hat die Arbeitsgruppe ein ziemlich breites Spektrum. Dazu gehören neben den eher klassischen Fächern aus den Bereichen des Bauens und der Erhaltung auch spezielle Themen wie z. B. Brückenbeläge.
Aber wir decken natürlich auch die neuen gesellschaftlichen Aufgaben ab, die sich aus dem Umweltschutz und den klimatischen Veränderungen ergeben. Die mittlerweile neun Arbeitsausschüsse in der Gruppe betreuen insgesamt beinahe 180 Veröffentlichungen! Diese müssen ständig überprüft, aktualisiert und ggf. erneuert werden. Das ist eine riesige Aufgabe und erfordert ein breites Feld an engagierten Fachleuten aus den verschiedenen Bereichen. Ich möchte an dieser Stelle gleich ein großes Lob und meinen persönlichen Dank an alle ehrenamtlichen Mitglieder in allen Gremien der Arbeitsgruppe Asphaltbauweisen aussprechen. Ihr leistet einen Riesen- Job! Gleiches gilt natürlich für die jeweiligen Arbeitgeberinnen und Arbeitsgeber, die dieses Engagement unterstützen und erst ermöglichen.

Wie wird denn diese große Aufgabe organisiert? Werden Sie in Zukunft Änderungen vornehmen, um diese Aufgabe erfüllen zu können?
Knut Johannsen: Der Lenkungsausschuss der Arbeitsgruppe bestimmt natürlich auch in Zukunft die strategische Ausrichtung der Veröffentlichungen und der Arbeit in allen Untergremien der Gruppe. Wichtig ist es, dass wir dort die richtigen Themen für die Zukunftsfähigkeit der Bauweise adressieren und die notwendige Umsetzung anstoßen.
Der Lenkungsausschuss sorgt aber auch dafür, dass das Regelwerk über Forschung neue Entwicklungen fördert, wobei es gleichzeitig in sich schlüssig bleibt und möglichst ohne Missverständnisse oder Widersprüche auf den Markt kommt, wobei ich den Fokus im Lenkungsausschuss in Zukunft mehr auf die strategische Arbeit legen möchte als auf die konkrete inhaltliche Ausgestaltung der Veröffentlichungen. Wir werden die Leitplanken für einzelne Veröffentlichungen deutlicher ziehen, die fachliche Arbeit aber dahin verantwortlich übergeben, wo sie richtig aufgehoben ist: in die zuständigen Arbeitsausschüsse.
Ich bin derzeit mit der Leitungsebene der Arbeitsausschüsse in der Diskussion, wie wir ggf. die Struktur der darunter angeordneten Arbeitskreise für die Aufgaben der Zukunft anpassen können. Wir müssen hier deutlich flexibler und schneller werden, um die Realität in der Produktion und im Einbau zeitnah abbilden zu können. Dazu werden wir die doch teilweise sehr beharrliche Struktur an einigen Stellen öffnen und variabler gestalten müssen. Außerdem erfordern es die vor uns stehenden Herausforderungen im Hinblick auf steigende Verkehrsbelastungen, den Umweltschutz und die Widerstandsfähigkeit der Bauweise sowie der Bauwirtschaft, dass wir über Innovationen schneller informieren, um ihnen damit den Weg in die breite Anwendung öffnen. Wir müssen hier deutlich mutiger werden, habe ich den Eindruck. Sonst laufen uns unsere europäischen Partner dabei weg.
Die Leitungsebene der Arbeitsausschüsse wird somit auch in Zukunft – und das vielleicht sogar verstärkt – die fachliche Verantwortung für ihren Bereich übernehmen. Ich bin sehr froh, dass wir in dieser Ebene derzeit fachlich ausgesprochen stark aufgestellt sind. Aber – und das muss deutlich gesagt werden – auch auf der Ebene der Arbeitsausschüsse kann man den demografischen Wandel schon deutlich sehen. Es wird eine wesentliche Aufgabe sein, das Mitarbeiterfeld zu verjüngen und mehr Nachwuchskräfte für die Mitarbeit zu gewinnen. Ich hoffe sehr, dass wir es dabei auch schaffen, deutlich mehr weibliche Fachkräfte von einem Engagement überzeugen zu können. Die Regelwerkserarbeitung darf keine männliche Domäne sein.

Die flexible Bauweise wird seit über 100 Jahren erfolgreich umgesetzt, wobei sich die grundlegenden Prinzipien ja erhalten haben. Werden wir die nächsten 100 Jahre so weiterbauen können?
Knut Johannsen: Naja, sie haben mir die Antwort ja bereits mit der Frage in den Mund gelegt (lacht). Ich würde es mal so sagen: dass etwas 100 Jahre Bestand hat, spricht natürlich dafür, dass es grundsätzlich ein tragbares Konzept ist. Die stationäre Produktion, der Einbau mit schwimmender Bohle und die fugenlose Fahrbahn sind sicherlich ein Erfolgsmodell, dass auch in Zukunft Bestand haben wird.
Aber nichtsdestotrotz stehen wir im Moment auch in der Technik vor einer kleinen Zeitenwende. Wir müssen kurzfristig die Produktions- und Einbauweise für insgesamt knapp 40 Mio. t Asphalt verändern! Der Gesundheitsschutz erfordert es nämlich, dass wir in Zukunft Asphalt nur noch mit deutlich reduzierter Temperatur produzieren und einbauen werden. Dazu steht eine Reihe unterschiedlicher Verfahren zur Verfügung, mit denen wir jetzt schnellstmöglich Erfahrungen sammeln müssen. Vor allem auf die kommunalen Baulastträger kommen dabei Änderungen zu, über die wir zeitnah und umfangreich informieren müssen. Das technische Regelwerk ist dabei für viele das wichtigste Werkzeug für den Know-how-Transfer.

Die Temperaturabsenkung ist ja nun schon seit einiger Zeit im Fokus der Fachöffentlichkeit und es ist zu begrüßen, dass das Thema nun Fahrt aufnimmt. Aber stehen uns in Zukunft nicht noch viel größere Umwälzungen bevor, die vor allem der Klimawandel mit sich bringt?
Knut Johannsen: Die Temperaturabsenkung in der Asphaltproduktion ist tatsächlich nur der erste Schritt auf einem viel längeren Weg, das stimmt. Wir müssen gleichzeitig die Weichen stellen, um in der gesamten Wertschöpfungskette nachhaltiger zu werden, um den gesetzlichen und gesellschaftlichen Klima- und Umweltschutzzielen gerecht zu werden. Die dazu notwendigen Anpassungen werden sehr wahrscheinlich noch größer sein und von uns allen ein grundsätzliches Umdenken erfordern. Wir müssen begreifen, dass Umweltbeeinflussungen Kosten nach sich ziehen, die wir im gesamten Prozess von der Ausschreibung über die Ausführung bis zum sog. End-of-Life und darüber hinaus im nächsten Zyklus berücksichtigen müssen. Das wird unsere gesamte ingenieurtechnische Gedankenwelt grundlegend verändern. Die Straße muss klimaneutral werden und die Bautechnik muss ihren Beitrag dazu leisten. Wir können hier tatsächlich von einer kleinen Revolution im Denken reden.

Revolutionen sind ja nun bekanntermaßen keine sehr einfachen Prozesse und werden nicht von allen gerne gesehen. Ich könnte mir vorstellen, dass es auf diesem Wege nicht nur Unterstützer gibt.
Knut Johannsen: Das ist richtig. So ein Veränderungsprozess erzeugt erst einmal viele Widerstände, was ganz natürlich ist. Das liegt sicherlich vor allem auch daran, dass uns noch ein einheitliches Bewertungssystem für Nachhaltigkeitsaspekte sowie die dafür notwendigen Berechnungsregeln fehlen. Das sind sog. prozessuale Unsicherheiten, die wir schnellstmöglich in Abstimmung mit den anderen Bau-Arbeitsgruppen und der Arbeitsgruppe Infrastrukturmanagement beseitigen müssen.
Wir müssen das als einen richtigen Change-Prozess begreifen. Es ist sehr wichtig, dabei alle gedanklich an die Hand zu nehmen und schnellstmöglich die richtigen Informationen und Vorgaben für alle verfügbar zu machen. Das ist eine Aufgabe, die wir nur in gemeinsamer Anstrengung schaffen werden. Hier gilt auch mein Appell an alle Beteiligten: Beteiligen Sie sich an der Diskussion in den Gremien. Partikularlösungen sind da wenig hilfreich. Alle, die sich in unseren Gremien einbringen möchten, sind dazu herzlich eingeladen.

In diesem Jahr findet vom 4. bis 5. Mai die Asphaltstraßentagung in Aachen statt. Was erwartet die Teilnehmer? Und an wen richtet sich das Kongressprogramm?
Knut Johannsen: Die Tagung ist natürlich zunächst erst einmal eine Art Berichterstattung über das, was die Arbeitsgruppe in den letzten Jahren geleistet hat. Und das war wirklich eine ganze Menge. Mein Vorgänger Bernd Nolle, den wir dort im gebührenden Rahmen für seine unermüdliche und erfolgreiche Arbeit der letzten zwölf Jahre danken wollen, wird das in seinen einleitenden Worten detailliert darstellen. Das waren wirklich sehr produktive und für die Bauweise erfolgreiche Jahre in der Regelwerksarbeit!
Aber das Kongressprogramm wird natürlich auch im Zeichen der anstehenden Veränderungen stehen. Es wird eine Übersicht über die wesentlichen Zukunftsaufgaben geben und ich habe versucht, vor allem Vortragende zu gewinnen, die uns mit klugen Ideen und Ansätzen den Weg nach vorne weisen können. Ich denke, dass wieder für alle Gruppen angefangen von den Planenden und Ausschreibenden über die Ausführenden bis hin zu den Lehrenden und Forschenden interessante Vorträge dabei sind.
Am zweiten Tag werden wir dann einmal etwas Neues ausprobieren. Wir werden mit einer Podiumsdiskussion unter Beteiligung des Publikums ein neues Format einführen, von dem ich mir viel verspreche und das sich an vielen anderen Stellen schon bewährt hat. Mit Hilfe einer speziellen webbasierten Lösung, die jeder Teilnehmer ganz einfach über sein Mobiltelefon nutzen kann, wird es möglich sein, Fragen auch anonym an die Diskutanten zu stellen. Dadurch kann jeder seine speziellen Sorgen und Nöte in diesem Change-Prozess ansprechen und zu Gehör bringen. Damit verändern wir den Charakter einer Frontalveranstaltung hin zu einem Dialogforum.
Ganz besonders freue ich mich in diesem Zusammenhang über die Bereitschaft von Prof. Sonnicksen, einem renommierten Politikwissenschaftler, uns im Rahmen eines Impulsvortrags die Augen für Lösungsmöglichkeiten in solch einem komplexen System zu öffnen. Der Blick über den Tellerrand führt häufig zu neuen Lösungsansätzen.
Außerdem denke ich, dass wir mit Aachen als Austragungsort auch das richtige Umfeld dafür gewählt haben: ein stark internationales Flair am Dreiländerpunkt sowie ein Studierendenanteil an der Bevölkerung von knapp einem Viertel sorgen sicherlich für einen angenehmen und interessanten Aufenthalt. Die Organisation seitens der FGSV ist wirklich hervorragend, wofür ich ganz herzlich danken möchte. Ich hoffe, dass viele den Weg dorthin finden werden.

Vielen Dank für das Gespräch! Auf ein Wiedersehen in Aachen …

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FGSV e. V.
D-50676 Köln
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