Interview
Der Straßenbau steht vor großen Herausforderungen: Klimaschutz, Ressourcenschonung und gleichzeitig höchste Anforderungen an Qualität und Dauerhaftigkeit bestimmen die Zukunft unserer Verkehrsinfrastruktur. Auf der Betonstraßentagung 2025 in Lübeck treffen sich Fachleute, um genau darüber zu diskutieren. Einer der zentralen Köpfe hinter der Veranstaltung ist Dipl.-Ing. Thomas Wolf, Leiter der FGSV-Arbeitsgruppe „Betonbauweisen“ und Leiter der Abteilung Baustofftechnik innerhalb der Zentralen Technik der Strabag Großprojekte GmbH in München. Im Interview mit Straße und Autobahn spricht er über aktuelle Entwicklungen, die Bedeutung von Regelwerken und warum sich der Besuch in Lübeck gleich mehrfach lohnt.
Herr Wolf, Sie sind seit vielen Jahren im Betonstraßenbau tätig. Was fasziniert Sie persönlich an diesem Fachgebiet und welche Erfahrungen haben Sie in dieser Zeit gemacht?
Thomas Wolf: Zunächst einmal fasziniert mich der Baustoff Beton selbst. Die Herstellung ist vergleichsweise einfach, und seine Eigenschaften lassen sich gezielt über die Betonzusammensetzung einstellen – es ist also ein sehr gut berechenbarer Baustoff. Zudem haben wir alle dafür erforderlichen Rohstoffe in ausreichenden Mengen in unserem Land verfügbar – ein Punkt, der aus meiner Sicht viel zu wenig Beachtung findet, aber gerade in der heutigen Zeit nicht zu unterschätzen ist. Mich begeistern zudem die unzähligen Einsatzmöglichkeiten von Beton. Im Straßenbau steht Beton für hohen Verformungswiderstand, lange Nutzungsdauern bei geringem Unterhaltungsaufwand und damit insgesamt für Nachhaltigkeit. Beton ist ein Baustoff, der mehr kann, als viele ihm zutrauen – wenn man ihn an der richtigen Stelle einsetzt. Die jeweiligen Entscheider von den Vorteilen der Betonbauweise zu überzeugen, ist eine herausfordernde und nicht immer leichte Aufgabe. Das habe ich in den zurückliegenden mehr als 20 Jahren erfahren müssen.
Als Leiter der FGSV-Arbeitsgruppe „Betonbauweisen“ bringen Sie viele Fachleute an einen Tisch. Wie sehen Ihre Aufgaben dabei konkret aus?
Thomas Wolf: Die Arbeitsgruppe vereint Experten aus Wissenschaft, Verwaltung und Wirtschaft. Unsere Aufgabe als Arbeitsgruppe ist es, die Entwicklungen im Betonstraßenbau voranzutreiben, neue Erkenntnisse in Regelwerke zu überführen und den Dialog innerhalb der Branche zu fördern. Dabei geht es um technische Details, aber auch um das große Ganze – nämlich, wie wir den Straßenbau insgesamt nachhaltiger und zukunftsfähiger gestalten können. Meine Aufgabe als Leiter besteht u. a. darin, die Arbeiten der einzelnen Arbeitsausschüsse und Arbeitskreise der AG 8 zu koordinieren sowie auch die Zusammenarbeit mit den bautechnischen AG 6 „Gesteinskörnungen, Ungebundene Bauweisen“ und AG 7 „Asphaltbauweisen“ sicherzustellen.
In Ihrer Präsentation auf der Tagung stellen Sie die aktuellen Schwerpunkte der AG „Betonbauweisen“ vor. Was steht hier derzeit besonders im Fokus?
Thomas Wolf: In meinem Vortrag werde ich in bewährter Weise die derzeit laufenden sowie die in den letzten Jahren abgeschlossenen Forschungsvorhaben im Bereich des Betonstraßenbaus vorstellen und über wesentliche Ergebnisse berichten. Darüber hinaus möchte ich natürlich auch die aktuellen Schwerpunkte der AG 8 aufzeigen. Ein zentrales Thema ist hierbei die kontinuierliche Weiterentwicklung unserer Regelwerke – Stichwort ZTV/TL Beton, M VaB oder M DBB. Wir wollen Standards schaffen, die Planern und Ausführern gleichermaßen Sicherheit bieten und zudem Raum für Innovation lassen. Darüber hinaus beschäftigen wir uns mit Themen wie Ressourceneffizienz, langlebigen Fahrbahnkonstruktionen, lärmmindernden Oberflächen und neuen Einsatzbereichen für Beton außerhalb der klassischen Bundesfernstraßen.
Die Betonstraßentagung greift auch die Themen alternative Zemente und CO₂-optimierte Baustoffe auf. Wie wichtig sind diese Innovationen für die Zukunft?
Thomas Wolf: Sie sind ein ganz wesentlicher Baustein. Wir müssen den CO₂-Fußabdruck im Verkehrswegebau reduzieren. Das geht nur über technische Innovationen. Alternative Zemente, optimierte Betonzusammensetzungen und intelligente Bauverfahren spielen dabei eine zentrale Rolle. Die gute Nachricht: Die Grundlagen sind vorhanden – jetzt müssen wir sie konsequent in die Fläche bringen.
Können Sie hierzu noch etwas ins Detail gehen?
Thomas Wolf: Der aktuell größte Hebel zur Reduzierung des CO2-Fußabdrucks in der Betonbauweise ist der Einsatz von klinkerreduzierten Zementen (CEM-II- und CEM-III/A-Zemente). Bereits mit dem Allgemeinen Rundschreiben Straßenbau Nr. 04/2022 wurde der Einsatz klinkerreduzierter Zemente für den Betonstraßenbau vereinfacht. In den neuen TL Beton-StB wird die Palette der möglichen Zemente noch um die CEM-II/A-M- und CEM-II/B-M-Zemente erweitert.
Innovative Oberflächen wie das Grinding oder eine Beschichtung bieten die Möglichkeit, die Betonzusammensetzung des Oberbetons zu optimieren. Bei Betonen für Grindingoberflächen können wir das Größtkorn von 8 auf 22 mm erhöhen und damit gleichzeitig den Zementgehalt um ca. 70 kg/m³ senken. Bei Beschichtungen von neu hergestellten Betondecken – eine Bauweise, die sich derzeit noch in der Erprobung befindet – könnte der Oberbeton allein mit Rundkorn (Kies) hergestellt werden, was zur Verringerung der Transportentfernungen beiträgt und Ressourcen schont.
Bei allen Innovationen gilt es aber immer zu beachten, dass die Lösungen wirtschaftlich bleiben müssen, in der Praxis einfach umzusetzen sind und die Dauerhaftigkeitseigenschaften der Betondecke nicht nachteilig beeinflusst werden.
Auch die Digitalisierung hält Einzug auf den Baustellen, etwa durch 3D-gestützte Fertigungstechnik im Gleitformbau. Wie verändert das den Betonstraßenbau?
Thomas Wolf: Die Digitalisierung eröffnet viele Chancen und wird uns künftig bei den Arbeitsprozessen unterstützen. Sie löst aber leider nicht unser derzeit größtes Problem – den Mangel an Fachkräften, die bereit sind, den anspruchsvollen Job auf den Baustellen auszuführen und z. B. von Montag bis Freitag auf Montage zu sein. Aber genau dieses Personal ist nötig, um unser Gewerk in hoher Qualität auszuführen. Der Fachkräftemangel ist jedoch kein Problem des Betonstraßenbaus, sondern ein grundsätzliches Thema in der Branche.
Ein Blick auf die Tagung zeigt: Auch der Einsatzbereich für Beton wird breiter – Stichwort Bankettbeton oder kommunale Straßen. Welche Chancen sehen Sie hier?
Thomas Wolf: Betondecken kennt man klassisch von den Bundesfernstraßen und Rastanlagen, den Flughäfen und vielleicht noch von den Container- und Logistikflächen. Das sind aber bei Weitem nicht alle hoch belasteten Verkehrsflächen, bei denen eine Betondecke Sinn machen würde. Ein Beispiel: Wenn ich als unvoreingenommener Verkehrsteilnehmer durch meinen Wohnort fahre, so ärgere ich mich jedes Mal über marode Kreisverkehre, die noch gar nicht lange unter Verkehr liegen, sowie über Bushaltestellen und Kreuzungsbereiche mit massiven Verdrückungen. Hierbei frage ich mich dann, warum sich der Bauherr oder Planer an dieser Stelle nicht für die Betonbauweise entschieden hat. Dabei haben wir mit der FGSV-Merkblattreihe M VaB (Teile 1+2) seit über 10 Jahren sehr gute Regelwerke für die Planung und Ausführung vorliegen. Im kommunalen Bereich sehe ich daher noch einen großen Nachholbedarf.
Was den Bankettbeton betrifft, so handelt es sich hierbei um eine recht junge Bauweise, die nun erstmals in einem Hinweispapier geregelt ist.
Auf der Tagung wird es auch einen Vortrag zu Flugbetriebsflächen geben?
Thomas Wolf: Das stimmt. Der Name der Tagung lässt zunächst vermuten, dass es dort nur um Betonstraßen geht. In den Gremien der FGSV beschäftigen wir uns auch in erster Linie mit dem Straßenbau. Dennoch ist es mir sehr wichtig, auf einer Betonstraßentagung einen Überblick über alle Anwendungsbereiche des Betonstraßenbaus zu geben, und die Flughäfen stellen hier einen sehr großen Anteil dar. Zudem unterscheidet sich der Betoneinbau an Flughäfen nicht wesentlich von dem Betoneinbau auf Straßen, und die Flughafenbetreiber bzw. deren Planer legen den Bauverträgen zumeist unsere Standardregelwerke TL und ZTV Beton-StB zugrunde. Nicht zuletzt weiß ich, dass viele Kolleginnen und Kollegen von den Flughäfen immer gerne unsere Betonstraßentagung besuchen, weil sie dort viele Ideen und Impulse für ihre tägliche Arbeit mitnehmen können.
Was erwartet die Teilnehmer bei der Betonstraßentagung 2025 in Lübeck? Gibt es Programmpunkte, die Sie besonders hervorheben möchten?
Thomas Wolf: Die Tagung bietet einen kompakten Überblick über die neuesten Entwicklungen – von Forschungsergebnissen über neue Regelwerke bis hin zu spannenden Praxisberichten. Hervorheben möchte ich den ersten Vortragsblock mit dem Auslandsbericht des Förderpreisträgers der Otto-Graf-Stiftung. In diesem Jahr haben wir aufgrund einer mitgezogenen Verschiebung durch die Corona-Pandemie sogar zwei Berichte im Programm. Es ist für mich immer wieder spannend zu sehen, wie und unter welchen Bedingungen in anderen Ländern Betonstraßen gebaut werden. Interessant ist zudem, welchen Stellenwert die Betonbauweise im Ausland erfährt.
Ich erwarte außerdem einen sehr interessanten Block Forschung und Erprobung. Hier möchte ich beispielhaft zwei Vorträge aufführen. Im Bericht zur Untersuchungsstrecke BAB A 9 wird über eine Grindingtextur berichtet, die in einen Beton mit CEM-II/A-LL-Zement eingebracht wurde. Der Vortrag zum Thema Betonieren bei heißen Temperaturen beschäftigt sich mit einem sehr aktuellen Thema, welches nicht nur uns Betonstraßenbauer, sondern den kompletten Betonbau in der warmen Jahreszeit betrifft.
Die Abendveranstaltung auf dem Cargoschiff bietet einen besonderen Rahmen für persönliche Gespräche. Wie wichtig ist Ihnen der informelle Austausch im Rahmen solcher Fachtagungen?
Thomas Wolf: Der fachliche Austausch auf der Bühne ist das eine – aber genauso wichtig sind die Gespräche abseits des offiziellen Programms. Gerade auf dem Schiff, in lockerer Atmosphäre, entstehen oft die besten Ideen und Kontakte. Manchmal reicht ein kurzer Plausch, um eine Zusammenarbeit anzustoßen, die später Großes bewirkt. Deshalb kann ich jedem nur empfehlen, diesen Teil der Tagung nicht zu verpassen.
Die Veranstaltung steht unter dem Motto, Grundlagen für den Verkehr von morgen zu schaffen. Wie sieht für Sie eine zukunftsfähige Infrastruktur aus?
Thomas Wolf: Zukunftsfähige Infrastruktur muss in erster Linie langlebig und nachhaltig sein. Jede Erneuerung verbraucht Energie, kostet Ressourcen und setzt CO2 frei. Aktuell dimensionieren wir unsere Straßen auf eine Nutzungsdauer von 30 Jahren. Nur geringe Mehrdicken führen bei der Betonbauweise rechnerisch zu deutlich längeren Nutzungsdauern – das ist ein Ansatz, der aus meiner Sicht weiterverfolgt werden muss.
Berechnungen am Centrum Baustoffe und Materialprüfung der TU München zur Ökobilanz eines Autobahnabschnitts zeigen, dass die Umweltwirkung aus der Verkehrsbelastung in der Nutzungsphase in etwa dem 100-Fachen der Umweltwirkung aus Herstellung und Erhaltung einer Straße entspricht.
Was sagt uns das?
Thomas Wolf: Aktuell legen wir unseren Fokus bei den Nachhaltigkeitsbetrachtungen verstärkt auf die Bau- und Erhaltungsphase. Stattdessen sollten wir uns aber die Nutzungsphase ansehen, denn hier spielt eigentlich die Musik. Die Fahrbahneigenschaften Oberflächengestalt (Textur), Steifigkeit und Ebenheit haben einen besonderen Einfluss auf den Rollwiderstand und damit den Treibstoffverbrauch der Fahrzeuge. Hier muss die Forschung daher dringend ansetzen.
Was würden Sie jungen Ingenieurinnen und Ingenieuren raten, die sich für den Verkehrswege- oder Betonstraßenbau interessieren?
Thomas Wolf: Der Betonstraßenbau verbindet – wie der Name schon sagt – zwei Bereiche, den Betonbau inkl. der Betontechnologie und den klassischen Straßenbau. Diese Kombination habe ich immer als sehr interessant und abwechslungsreich empfunden, und sie bietet vielfältige Einstiegs- und Entfaltungsmöglichkeiten für junge Menschen, die etwas bewegen wollen – technisch, planerisch und gesellschaftlich.
Wenn Sie Ihre Branche mit wenigen Worten beschreiben müssten …
Thomas Wolf: … dann würde ich sagen: Wir sind eine kleine Familie von Spezialisten, und die Betonstraßentagung ist unser Familientreffen, zu dem ich alle interessierten Kolleginnen und Kollegen ganz herzlich einlade.
Herr Wolf, vielen Dank für das Gespräch!
Weitere Informationen
STRABAG Großprojekte GmbH Bereich Großprojekte Bayern
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