Interview

Die Zukunft des Straßen- und Verkehrswesens gemeinsam gestalten

Vom 14. bis 16. Oktober 2026 trifft sich die Branche zum Deutschen Straßen- und Verkehrskongress im RheinMain CongressCenter Wiesbaden. Im Vorfeld sprach Straße und Verkehr heute mit Dr.-Ing. Stefan Klotz, Vorsitzender der FGSV, über die Schwerpunkte des Kongresses, aktuelle Herausforderungen und warum der persönliche Austausch heute wichtiger ist denn je. 

Herr Dr. Klotz, der Deutsche Straßen- und Verkehrskongress gilt als wichtigster Branchentreff im deutschsprachigen Raum. Worauf dürfen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer 2026 besonders freuen?

Dr. Klotz: Vor allem auf die fachliche Breite und auf die Begegnungen zwischen uns Menschen. Seitens der FGSV bringen wir in Wiesbaden die Themen zusammen, die unsere Arbeit derzeit besonders prägen: Klimaresilienz, Ressourcenschonung, neue Regelwerke, Digitalisierung und Künstliche Intelligenz (KI). Dazu kommen wichtige Themen aus der kommunalen Praxis, aktuelle Forschungsergebnisse und die Frage, wie Innovationen künftig schneller in die Anwendung gelangen.

Für mich liegt die besondere Stärke unserer Kongresse stets darin, dass wichtige Themen nicht nebeneinander stehen. Verwaltung, Wissenschaft, Planung, Bauwirtschaft, Industrie und Verbände betrachten sie aus unterschiedlichen Perspektiven. Genau daraus entstehen Orientierung, neue Ideen und belastbare Lösungen, zu denen wir uns austauschen.
 

Der Kongress steht unter dem Eindruck großer Veränderungen – von Klimaresilienz über Digitalisierung bis hin zu KI. Welche Entwicklungen prägen das Straßen- und Verkehrswesen derzeit am stärksten?

Dr. Klotz: Meiner Wahrnehmung nach erleben wir mehrere Veränderungen gleichzeitig. Der Klimawandel stellt neue Anforderungen an Planung, Bau und Erhaltung. Zugleich wächst der – auch finanzielle – Druck, die bestehende Infrastruktur verlässlich zu erhalten und Ressourcen über den gesamten Lebenszyklus sinnvoll einzusetzen. Erkennbar ist, dass Digitalisierung und KI zusätzlich unsere Arbeitsweisen rasant verändern. Sie eröffnen uns aber auch neue, ungeahnte Möglichkeiten bei Datenanalyse, Zustandserfassung, Planung und Wissenszugang. Gleichzeitig und grundsätzlich verbleiben Verkehrssicherheit, fachliche Qualität und nachvollziehbare Entscheidungen unsere festen Maßstäbe.
 

Ein roter Faden des Programms scheint die Verbindung von Forschung, Regelwerk und praktischer Umsetzung zu sein. Warum ist gerade dieser Dreiklang für die Arbeit der FGSV so wichtig?

Dr. Klotz: Dieser Dreiklang ist das Verlässliche in der FGSV, weil genau darin die Aufgabe der FGSV liegt. Forschung schafft neue Erkenntnisse und zeigt uns, welche Lösungen technisch möglich und fachlich belastbar sind. Das Regelwerk übersetzt diese Erkenntnisse gemeinsam mit den Erfahrungen der Praxis. Was anschließend sehr wichtig und entscheidend dabei ist: die Anwendung. Ein gutes Regelwerk entfaltet seinen Wert erst dort, wo es Planung, Bau, Betrieb und Erhaltung unterstützt und umgesetzt wird. Deshalb denken wir den Weg von der Forschung über die fachliche Bewertung bis zur praktischen, produktiven Umsetzung als zusammenhängenden Prozess.
 

Im Programm finden sich zahlreiche neue bzw. fachlich weiterentwickelte Regelwerke – etwa zu Autobahnen, Stadtstraßen, Radverkehr oder Asphalt. Welche Bedeutung haben diese Regelwerke für die Praxis der kommenden Jahre?

Dr. Klotz: Regelwerke schaffen immer eine gemeinsame fachliche Sprache. Sie geben Verwaltungen, Planenden und Ausführenden verlässliche Grundlagen und sorgen dafür, dass Wissen breit und nachvollziehbar angewendet werden kann. Gerade in Zeiten schneller technischer Entwicklung, unter dem starken Einfluss der Digitalisierung ist diese Orientierung besonders wichtig. Was mir aber sehr wichtig ist: Regelwerk darf und soll nicht statisch sein. Neue Erkenntnisse, z. B. veränderte Mobilitätsanforderungen und technische Entwicklungen müssen in das Regelwerk zügig einfließen. Die Beiträge zu Autobahnen, Stadtstraßen, Radverkehr und Asphalt zeigen sehr konkret, wie wir Bewährtes fachlich weiterentwickeln und neue Regelungen in die Praxis überführen.
 

KI zieht sich durch mehrere Programmpunkte – von der Keynote bis hin zu Fachvorträgen. Welche Chancen sieht die FGSV für den Einsatz von KI im Straßen- und Verkehrswesen, und wo braucht es weiterhin den Menschen?

Dr. Klotz: Ich sehe sehr große Chancen für uns, die die möglichen Risiken deutlich übersteigen. Denn KI kann uns dort unterstützen, wo große Datenmengen ausgewertet, Muster erkannt oder Wissen schneller zugänglich gemacht werden soll. Das betrifft neben der originären Arbeit, die wir im Planen, Bauen, Erhalten, Betreiben erledigen, ganz besonders und perspektivisch auch unsere Regelwerksarbeit. Sorgen unserer Mitarbeitenden in diesem Zusammenhang kann ich nachvollziehen. Aber: Der Mensch bleibt bei der Nutzung von KI unverzichtbar. Fachliche Erfahrung, die Einordnung in einen Kontext, Verantwortung und das Abwägen unterschiedlicher Interessen lassen sich nicht – oder bislang  nicht – verlässlich an ein System delegieren. Mein Anspruch in der FGSV ist deshalb klar: Wir wollen KI verstehen, erproben und dort einsetzen, wo sie Qualität, Transparenz, Wirksamkeit und Schnelligkeit stärkt.
 

Nachhaltigkeit ist inzwischen weit mehr als nur ressourcenschonendes Bauen. Wie verändert dieser Anspruch die Planung, den Bau und vor allem die Erhaltung unserer In-frastruktur?

Dr. Klotz: Wenn man sich intensiv mit nachhaltigem Handeln in unseren Aufgaben beschäftigt, kann man erkennen, dass Nachhaltigkeit heute den gesamten Lebenszyklus einer Infrastruktur betrifft oder zumindest betreffen sollte. Schon bei Planung und Entwurf stellt sich die Frage, welche Lösung dauerhaft, klimaresilient und ressourcenschonend ist. Beim Bauen gewinnen Kreislaufwirtschaft, Materialwahl, die Wiederverwendung von Baustoffen und der ressourcenschonende Maschineneinsatz stetig an Bedeutung. Aus meiner Sicht kommt der Erhaltung eine besondere Rolle zu. Unsere Infrastruktur ist ein großes volkswirtschaftliches Vermögen. Wer ihren Zustand früh erkennt, Maßnahmen sinnvoll priorisiert und die bestehende Substanz länger nutzbar hält, verbindet Ressourcenschutz mit Wirtschaftlichkeit und Verlässlichkeit.
 

Gerade Kommunen stehen vor enormen Herausforderungen – alternde Infrastruktur, knappe Budgets und steigende Anforderungen. Welche Impulse bietet der Kongress insbesondere für kommunale Verantwortliche?

Dr. Klotz: Ich habe viele Jahre unsere FGSV-Kommission 2 „Kommunale Straßen“ geleitet, arbeite selbst für eine wunderbare, große Stadt. Daher ist mir sehr bewusst, dass Kommunen viele Herausforderungen besonders unmittelbar erleben. Menschen, die in den und für die Kommunen arbeiten, müssen viele Dinge frühzeitig antizipieren, sind dem politischen Gestaltungswillen verpflichtet, haben oftmals mit finanziellen Restriktionen und personell knappen Ressourcen umzugehen. Gleichwohl müssen alle Fachaufgaben für die Menschen, die in den Kommunen leben und eine sichere, leistungsfähige Mobilität erwarten, bestmöglich erledigt werden. 

Wegen dieser sehr großen Bandbreite widmen wir den kommunalen Themen seit mehreren Kongressen deshalb eine eigene Vortragsreihe, die dieses Jahr am Freitagvormittag stattfindet. Dort wird es u. a. um die Weiterentwicklung des Regelwerks, die Zustandserfassung von Straßen und Radverkehrsanlagen, KI-gestützte Verfahren und die Vergleichbarkeit von Bewertungsmethoden gehen. Praxisbeispiele aus Herne und Dortmund zeigen, wie solche Ansätze im kommunalen Alltag funktionieren.
 

Neben dem Vortragsprogramm spielt die Fachausstellung traditionell eine wichtige Rolle. Welchen Mehrwert bietet sie den Besucherinnen und Besuchern?

Dr. Klotz: Oh ja, die Fachausstellung schafft immer die direkte Verbindung zwischen fachlicher Diskussion und praktischer Anwendung. Unternehmen und Institutionen zeigen dort Lösungen aus den Bereichen Verkehrsplanung, Straßenverkehrstechnik, Baustoffe, Straßenbau, Umwelttechnik, Digitalisierung und Mobilitätsstrategien. Für unsere Besucherinnen und Besucher des Kongresses ist es wichtig, kurze Wege zwischen Ausstellung und Vortragssälen zu ermöglichen; das haben wir bei der Planung extra berücksichtigt. Man kann also einen Vortrag hören, eine Fragestellung diskutieren und direkt anschließend mit den Vortragenden an die Messestände gehen und sehen, welche Verfahren, Produkte oder Dienstleistungen bereits verfügbar sind. Dieser Austausch zwischen Regelwerk, Markt und Praxis gehört für mich ganz wesentlich zum Kongress.
 

Der Deutsche Straßen- und Verkehrskongress lebt seit jeher vom persönlichen Austausch. Welche Bedeutung hat das Netzwerken heute – gerade in Zeiten digitaler Kommunikation?

Dr. Klotz: Ich finde: Digitale Kommunikation erleichtert vieles und ist aus unserer Arbeit nicht mehr wegzudenken. Sie ersetzt aber niemals das persönliche Gespräch. Gerade bei komplexen fachlichen Fragen entstehen Verständnis und Vertrauen oft dort, wo Menschen miteinander diskutieren und auch unterschiedliche Sichtweisen unmittelbar erklären können. Die FGSV lebt von diesem lebendigen Austausch. Unser Technisches Regelwerk entsteht durch die Erfahrung und Urteilskraft vieler Fachleute. Aber erst der Kongress – und unsere weiteren Fachveranstaltungen zwischen den Kongressen – bietet die Gelegenheit, bestehende Kontakte zu vertiefen, neue Menschen kennenzulernen und Gespräche zu führen, für die im normalen Arbeitsalltag oftmals leider die Zeit fehlt.


Besonders interessant klingt das Innovationsforum „Von der Idee bis zur Praxis“. Warum war es Ihnen wichtig, dieses Format in das Kongressprogramm aufzunehmen?

Dr. Klotz: In der sogenannten Programmkommission ist diese schöne Idee entstanden. Ich habe den Vorschlag anschließend dankbar aufgegriffen, weil uns folgende Frage derzeit intensiv beschäftigt: Wie gelangen gute Ideen schneller und zugleich qualitätsgesichert in die Praxis? Zwischen Forschung, Erprobung, Regelwerk und Anwendung liegen sehr viele Schnittstellen; dort treffen stets auch unterschiedliche Zuständigkeiten, Erwartungen und Zeithorizonte aufeinander. Das Innovationsforum soll diese Übergänge sichtbar machen und konkrete Verbesserungen diskutieren. Es ist eng mit unserem eigenen FGSV-Strategieprozess verbunden. Das Besondere: Schon vor dem Kongress holen wir unterschiedliche Perspektiven und Erfahrungen ein. In Wiesbaden führen wir sie zusammen und diskutieren gemeinsam, wie wir Prozesse klarer gestalten, Beteiligung stärken und Innovationen wirksamer in die Anwendung bringen.
 

Wenn Sie den Leserinnen und Lesern einen einzigen Grund nennen müssten, warum sie den Deutschen Straßen- und Verkehrskongress 2026 keinesfalls verpassen sollten – welcher wäre das?

Dr. Klotz: Das ist eine schwierige Frage, denn es gibt ja so viele gute Gründe, um dieses Jahr nach Wiesbaden zu unserem Kongress zu reisen.
Aber vielleicht dieser Grund: Weil man beim DSVK stets in sehr kurzer Zeit ein ungewöhnlich vollständiges Bild davon bekommt, was unser Fachgebiet derzeit bewegt. Der Kongress verbindet aktuelle Regelwerksentwicklungen mit Forschung, kommunaler Praxis, Nachhaltigkeit, Digitalisierung und Innovation. Und außerdem, weil man dort die Menschen trifft, die diese Entwicklung gestalten. Wer Orientierung sucht, eigene Erfahrungen einbringen und neue Impulse mitnehmen möchte, findet dafür in Wiesbaden einen sehr guten Ort.


Und nun noch die Abschlussfrage: Herr Dr. Klotz, worauf freuen Sie sich persönlich in Wiesbaden am meisten?
Dr. Klotz: Ich freue mich darauf, sehr viele Kolleginnen und Kollegen wiederzusehen und Menschen zu treffen. Wenn wir nach drei Kongresstagen aus vielen persönlichen und fachlichen Gesprächen mit neuen Ideen und konkreten Kontakten auseinandergehen, dann hat der DSVK genau das erreicht, was ich mir wünsche.