Lärmschutz
Lärmschutzwände mit integrierter Photovoltaik (PV) als multifunktionale Systemlösung gewinnen an Bedeutung. Flächendruck, Energiewende und hohe Anforderungen an moderne Infrastruktur treffen auf eine Technologie, die verfügbar ist – aber konsequent in Prozesse und Ausschreibungen integriert werden muss. Im vorliegenden Beitrag werden zwei unterschiedliche Projekte vorgestellt, die ein gemeinsamer Kern verbindet: Doppelnutzung, Qualität und Prozesssicherheit.
Projektbeispiel: Neuötting – Lärmschutz trifft Sonnenstrom
Hintergrund und Planung
Im oberbayerischen Neuötting wurde 2016 ein innovatives Projekt umgesetzt: Entlang der Staatsstraße 2550 entstand eine 234 m lange und 5 m hohe Lärmschutzwand mit integrierter Photovoltaik. Ausgangspunkt war ein neues Wohngebiet in Kombination mit dem Bau der Montessori-Schule. Messungen zeigten erhebliche Überschreitungen der zulässigen Lärmgrenzwerte. Die Stadt entschied sich bewusst für eine Mehrfachnutzung der Infrastruktur und setzte auf ein Gesamtkonzept aus Schallschutz, Lichtdurchlässigkeit und Stromerzeugung.
Besonderes Augenmerk lag auf der Gestaltung, um trotz der Höhe von 5 m eine offene und durchlässige Wirkung im Landschaftsbild zu erhalten.
Die PV-Module wurden oberhalb der Kopfhöhe angebracht, um Verschmutzungen und Vandalismus vorzubeugen. Die Verkabelung erfolgt vollständig geschützt im oberen Abschlussprofil. Die MaxSolar GmbH war für die Planung und Errichtung der PV-Anlage verantwortlich, während BECK Lärmschutz die bauliche Umsetzung übernahm.
Nutzung und Wirkung
Etwa 57 % des erzeugten Stroms werden direkt von der angrenzenden Montessori-Schule verbraucht. Durch die direkte Versorgung entstehen stabile Strompreise unter 14 Cent/kWh. Die restliche Energiemenge wird ins Netz eingespeist. Die CO2-Einsparung liegt bei ca. 30 t pro Jahr.
Organisation und Akzeptanz
Das Projekt wurde durch eine intensive Abstimmung zwischen Stadtverwaltung, Fachplanern, Genossenschaft und Ausführenden getragen. Der Gestattungsvertrag zwischen Stadt und Genossenschaft regelt die Nutzung klar und ohne Entgeltzahlung, wobei die Genossenschaft die Baukostenanteile der PV übernimmt.
Die Gestaltung wurde von Anwohnern sehr positiv aufgenommen. Die Wand wirkt trotz ihrer Dimension leicht und freundlich, der Blick in die Natur bleibt durch das Acrylglas erhalten. Die Akzeptanz in der Bevölkerung ist hoch.
Bild 2: PV-Lärmschutzwand in Neuötting mit der Montessori-Schule im Hintergrund
Projektbeispiel: Aschaffenburg – PV-Wand an der A 3
Am Stadtrand von Aschaffenburg wurde im Rahmen des sechsstreifigen Ausbaus der A 3 ein Abschnitt mit PV-integrierter Lärmschutzwand realisiert. Das Projekt zeigt, wie auch im hochbelasteten Verkehrsraum nachhaltige Energieerzeugung möglich ist.
Die Elemente wurden vormontiert, um auf der Baustelle eine hohe Qualität und einen schnellen Baufortschritt sicherzustellen. Die PV-Komponenten sind flächenbündig in die Wandflächen integriert, die Anbindung an das Stromnetz erfolgt über gesicherte Übergabepunkte. Durch die systematische Vorfertigung wurden Schnittstellen minimiert und die Wirtschaftlichkeit optimiert.
Dieses Projekt steht beispielhaft für eine neue Art von Infrastruktur: sichtbar, nachhaltig, ohne Flächenkonkurrenz. Die hohe Frequenz an Verkehrsteilnehmern macht die Anlage zu einem „Schaufenster“ der Energiewende. Neben der technischen und gestalterischen Qualität zeigt das Projekt, wie eine enge Abstimmung zwischen Bauunternehmen, Planern und Netzbetreibern zum Erfolg führen kann. Es dient als Vorlage für zukünftige großmaßstäbliche Anwendungen entlang von Bundesfernstraßen.
Gemeinsame Erkenntnisse aus beiden Projekten
Die beiden Projekte zeigen deutlich, dass Mehrwert durch konsequente Doppelnutzung entsteht: Schallschutz als Pflichtaufgabe, PV als lokaler Nutzen – entweder zum Eigenverbrauch oder über kurze Einspeisewege. Geschützte Kabelführung, robuste Integration und sinnvolle Anordnung der Module sorgen für einen langfristigen Investitionsschutz und sollten Bestandteil des Planungsprinzips sein. Vormontierte Elemente erhöhen nicht nur Tempo und Qualität auf der Baustelle, sondern reduzieren Schnittstellen und Risiken. Nicht zu vergessen ist eine frühzeitige Abstimmung aller Beteiligten von der Kommune bzw. dem Träger über Betreiber, Fachplanung und Ausführung bis hin zum Netzbetreiber – denn Erfolg ist Teamarbeit.
| Technische Umsetzung (Kennzahlen) – Gesamtlänge: 234 m – Höhe: 5 m über Fahrbahn – Nennleistung: 65,4 kWp – Modulfläche: ca. 500 m² – Modulgröße: 994 x 1.652 mm – Einzelmodulleistung: 260 Wp – Neigungswinkel: 5 Grad – Jahresertrag: ca. 55.000 kWh – Betreiber: EnergieGenossenschaft Inn-Salzach eG – Modultechnik: KOHLHAUER VOLTA – Aufbau: Gitterdämmsystem (unten), Acrylglas (mittig), PV-Module (oben) |
| Technische Umsetzung (Kennzahlen) und Besonderheiten – Realisierung durch Adam Hörnig als Baugesellschaft und Betreiber – Fertigung, Lieferung und Montage von ca. 970 m PV-Lärmschutzwand – Vormontierte Solarmodule auf Lärmschutzelementen im Werk installiert – Ausführung gemäß DIN EN 1793/1794 sowie ZTV-Lsw 06 – Berücksichtigung statischer Vorbemessungen und planungsbegleitender Leistungen – PV-Elemente in Süd-Südwest-Ausrichtung an der Rückseite zur Anliegerseite – Netzgekoppelte Einspeisung ins öffentliche Stromnetz |
Verfasser
Rolf Willm
rolf.willm@kohlhauer.com
R. Kohlhauer GmbH
D-76571 Gaggenau
www.kohlhauer.com
Peter Wagner
peter.wagner@hoernig.de
ADAM HÖRNIG
Baugesellschaft mbH & Co. KG
D-63741 Aschaffenburg
www.hoernig-bau.de
