Verkehrssicherheit
Vor zwölf Jahren, am 24. Juli 2010, fand das weltweit größte Techno-Musikfestival „Loveparade“ in Duisburg statt. Zur Veranstaltung wurden rund 500.000 Besucher erwartet an. Es war gegen 16.30 Uhr, als die Tragödie begann. Die Menschenmassen drängten sich auf einer abschüssigen Rampe des Veranstaltungsorts, es wurde immer enger und viele Menschen fielen zu Boden und waren ineinander verkeilt. Innerhalb kürzester Zeit wurden 21 Menschen getötet und über 650 verletzt. Zum Zeitpunkt des Unglücks befanden sich etwa 120.000 Besucher am Veranstaltungsort.
Jürgen Gerlach, Professor, Bergische Universität Wuppertal
Jürgen Gerlach, Professor an der deutschen Universität Wuppertal, nahm als Experte für Straßenverkehrsplanung, Verkehrssicherheit und Veranstaltungssicherheit am Gerichtsverfahren teil und untersuchte im Auftrag des Gerichts die Ursachen der tragischen Ereignisse. Er verfasst auch 12 Jahre nach dem Unfall noch immer entsprechende Berichte und ergreift Maßnahmen, um eine Wiederholung derartiger Ereignisse zu verhindern. In einem schriftlichen Interview mit der viertgrößten südkoreanischen Zeitung Hankyoreh am 6. November 2022 bekräftigte Professor Gerlach, „dass es schwierig wird, zu reagieren, wenn die Menschen bereits auf engem Raum zusammengedrängt sind.“
Was Professor Gerlach überraschte, als er die Katastrophe in Itaewon, einem Stadtteil von Südkoreas Hauptstadt Seoul, sah, war die „Ähnlichkeit“ des Ortes, an dem sich die beiden Katastrophen ereigneten. Er sagte: „Die Tatsache, dass es links und rechts hohe Wände, in der Mitte enge Räume und nur wenige Ausgänge auf der geneigten Straße gibt, ist ähnlich“. Und er fügte hinzu: „Es besteht ein hohes Risiko, dass Menschen in einer solchen engen Situation auf einer Rampe oder einer geneigten Straße stolpern.“ Die Itaewon-Katastrophe ereignete sich, als die Menschen in eine abfallende Gasse mit einer Breite von 3,20 m und einer Länge von 40 m in der Nähe des Hamilton Hotels strömten. Professor Gerlach erläuterte: „Es ist sehr schwierig, einzugreifen, selbst wenn man versucht, (den Druck der Menschenmenge) zu kontrollieren, wenn ein begrenzter Raum bereits mit Menschenmassen gefüllt ist.“ Derzeit sucht die Regierung von Präsident Yoon Suk-yeol die Verantwortung, indem sie sich auf die Reaktion der Polizei in der Nacht der Katastrophe konzentriert, aber es wird darauf hingewiesen, dass die umfassenderen Ursachen und Strukturen einer solchen gefährlichen Situation berücksichtigt werden sollten.
Nach den Ausführungen von Professor Gerlach kommt es zu Massenkatastrophen wie in Itaewon, wenn sich Personenströme in mehr als einer Richtung kreuzen oder begegnen. Selbst wenn sich die Menschenmenge in eine Richtung bewegt, kann es zu einem Stau mit schwerwiegenden Folgen kommen, wenn sich der Weg verengt. Weiter fügte er hinzu: „Wenn die Dichte zunimmt (mit Menschen, die die Motivation haben, etwas zu sehen und möglichst nichts zu verpassen), können wellenartige Bewegungen auftreten, bei denen Menschen stolpern und fallen. […] In heißen, stickigen und überfüllten Situationen können mit oder ohne Wellenbewegungen Menschen ohnmächtig werden oder zusammenbrechen, und dann fallen weitere Personen immer wieder darauf, was zu der schlimmsten Situation ineinander verkeilter Menschen führt. [Und dass,] das Schlimmste sehr schnell passiert.“
Nach der Katastrophe hat die Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen (FGSV), die zur Erstellung von Regelwerken autorisiert ist, im Jahr 2015 Maßnahmen ergriffen, um eine Wiederholung zu verhindern. Der Prozess um die Verantwortung für den Unfall und seine Vorbereitung dauerte von 2016 bis 2020. Ein Gremium der FGSV veröffentlichte 2022 ein Regelwerk zur Planung, Genehmigung und Durchführung von Veranstaltungen, die Empfehlungen zum Verkehrs- und Crowdmanagement für Veranstaltungen (EVC). Auch jetzt sind der Ausschuss und die dazugehörigen Arbeitskreise aktiv, um Regelwerke zu den Themen „Einsatz von Simulationen bei der Planung für und Steuerung von Menschenmengen“, „Erkennen von und Reagieren auf kritische Situationen bei Veranstaltungen und Menschenansammlungen“ und „Gestaltung, Bemessung und Betrieb von Verkehrsflächen im Umfeld von Veranstaltungsbereichen und Menschenansammlungen“ zu entwickeln. Professor Gerlach erläuterte: „Die Richtlinien beinhalten unter anderem, wie viele Menschen sich in einem bestimmten Areal versammeln können und wie man eine solche Menschenansammlung im Voraus plant, um gefährliche Situationen gar nicht erst entstehen zu lassen.“
Bild 2: Abwärtsführende Gasse, in der sich die Katastrophe von Itaewon ereignete (Quelle: https://kbizoom.com/it-is-difficult-to-pin-who-is-responsible-for-the-itaewon-disasterpeople-were-being-too-complacent/)
Wie können wir dann eine solche Katastrophe verhindern? Hierzu Professor Gerlach: „Wir sollten uns zwar auch auf den Tag der Veranstaltung konzentrieren, aber vor allem die Sicherheit der Veranstaltung schon Monate im Voraus sorgfältig vorbereiten und planen.“ Zudem betonte er, dass meist mehrere Szenarien erstellt werden sollten, die einzelne Maßnahmen sowie die Verantwortung für das jeweilige Handeln im Voraus festlegen. „Nach der Katastrophe wurden in Deutschland neue Regelungen (für die Durchführung von Großveranstaltungen) eingeführt“, sagte er. „Es sind im Vorfeld verantwortliche Personen und Organisationen, wie bspw. Vertreter von Stadtverwaltungen zu benennen. […] Beschränkt wird dann oft der Zugang auf Orte mit begrenzten Flächen und besonderen Attraktionen, während ausgedehnte Flächen frei zugänglich bleiben können. […] Eine Möglichkeit besteht darin, den Zugang zu einer begrenzten Fläche zu kontrollieren und bevor sich die Menschenmenge versammelt, kostenlose Eintrittskarten im online zu verteilen und die Menschen im Voraus über die Einschränkungen zu informieren.“
Weitere Informationen
BERGISCHE UNIVERSITÄT WUPPERTAL
Fakultät für Architektur und Bauingenieurwesen
Lehr- und Forschungsgebiet
Straßenverkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik
D-42285 Wuppertal
www.svpt.de
