Verkehrssicherheit

Sommerstraße in Fellbach ermöglicht das Flanieren und Verweilen im Straßenraum

Pilotierend wurde in der Stadt Fellbach im Juli 2023 eine Sommerstraße umgesetzt und deren Einführung durch die BASt in Zusammenarbeit mit der DTV-Verkehrsconsult GmbH wissenschaftlich begleitet. Die Einrichtung der Sommerstraße ist insgesamt als Erfolg zu bewerten. Sie wurde von den Verkehrsteilnehmern gut angenommen, war sicher und hat das Verkehrsgeschehen sowie das umliegende Gewerbe nicht beeinträchtigt.

Hintergrund
Die Idee der Sommerstraßen stammt ursprünglich aus Skandinavien. Ziel einer Sommerstraße ist es, ausgewählte Straßen zeitweise für den Kfz-Verkehr zu sperren. Dies erfolgt in den Sommermonaten, um den Bürgerinnen und Bürgern in der warmen Jahreszeit zusätzlichen Raum für Aufenthalt, Begegnung, Spiel und Bewegung zu bieten. So sollen wohnortnah Räume mit hoher Aufenthaltsqualität erschlossen werden. Unterstützt werden die Sommerstraßen häufig durch ein kulturelles Begleitprogramm.

Eine solche Sommerstraße wurde in Fellbach im Rems-Murr-Kreis in Baden-Württemberg am Sonntag, den 2. Juli 2023 für insgesamt 8 Wochen auf einem etwa 100 m langen Abschnitt der Kirchhofstraße eröffnet (Bild 1). Hierzu wurde die Straße unter anderem mit Sitzgelegenheiten, Pflanzenbeeten, einem Infostand, Fahrradabstellanlagen und Spielgeräten ausgestattet. Die Kirchhofstraße ist eine kurze Verbindungsstraße im Fellbacher Stadtzentrum in der Nähe des Rathauses. Die Straße ist durchgehend gepflastert und als Einbahnstraße angelegt. In Fahrtrichtung befinden sich auf der rechten Seite Längsparkplätze für Kfz und linksseitig befindet sich der Zugang zu einer Förderschule. Das Projekt liefert Erkenntnisse zu Potenzialen für die Realisierung einer Sommerstraße in Fellbach sowie erste Hinweise zur Gestaltung und Umsetzung von Sommerstraßen generell.

Untersuchungsmethode
Vor Einrichtung der Sommerstraße fanden am 14. Juni 2023 Parkraum- und Querschnittserhebungen mittels Videoaufnahmen in der Kirchhofstraße und den umliegenden Straßen statt (Bild 2). Nach Einrichtung der Sommerstraße wurden selbige Erhebungen sowohl vor Beginn der Sommerferien am 18. Juli 2023 als auch im Laufe der Sommerferien am 22. August 2023 erneut durchgeführt. Zusätzlich zu den Erhebungen fanden am 9. und 10. August 2023 Befragungen vor Ort von Besuchern (N = 73) der Sommerstraße und den Gewerbetreibenden in der Umgebung (N = 5) statt. An allen Befragungs- und Erhebungstagen herrschte sommerliches Wetter ohne Niederschlag.

Bild 2: Erhebungsbereich und Kamerastandorte (Standorte K1 bis K7 vor Einrichtung der Sommerstraße sowie Standorte K1 bis K9 nach Einrichtung der Sommerstraße) (Grafik: DTV-Verkehrsconsult GmbH; Kartenhintergrund: OpenStreetMap und Mitwirkende, CC-BY-SA 2.0)

Ergebnisse
Die Sommerstraße kommt gut an

Zur Untersuchung der Akzeptanz und Sicherheit der Sommerstraße in Fellbach wurde sowohl auf die Befragungs- als auch auf die Videodaten zurückgegriffen. Hierbei zeigte sich: Die Sommerstraße kommt gut an! So geben rund 80 % der befragten Besucher an, die Gestaltung der Straße sei nun vorteilhafter als zuvor, wobei sie die Sommerstraße insbesondere als „sicher“, „nützlich“ und „nachhaltig“ erlebt haben. Aus den Ergebnissen einer differenzierteren Vorher-Nachher-Bewertung wird deutlich, dass insbesondere die Aufenthaltsqualität und die optische Gestaltung der Kirchhofstraße während der Maßnahme besser bewertet wurden (Bild 3). Durch die Umgestaltung der Kirchhofstraße profitieren laut Aussage der Besucher vor allem Fußgänger und Kinder.

Bild 3: Bewertung der Kirchhofstraße vor und nach der Einrichtung der Sommerstraße (N = 73)

Auch das beobachtete Verhalten in der Kirchhofstraße spricht für eine hohe Akzeptanz und Aufenthaltsqualität in der Sommerstraße. So stieg die Anzahl der Personen, die in der Kirchhofstraße verweilten ebenso wie deren Verweildauer deutlich an (Bild 4). Besuchermagneten waren neben den Sitzgelegenheiten, die zum Lesen, Essen oder zum Plauschen eingeladen haben, insbesondere auch der Informationsstand zu Beginn der Sommerstraßeneinrichtung und die Klangröhre. Die zusätzlich aufgestellten Fahrradständer wurden hingegen seltener genutzt, vermutlich da zum einen bereits ausreichend Fahrradabstellplätze im Umfeld vorhanden sind und zum anderen ihre Positionierung nicht optimal gewählt wurde.

Bild 4: Anzahl von Verweilvorgängen sowie mittlere Verweilzeit vor und während der Einrichtung der Sommerstraße

Die Sommerstraße ist sicher
Die Kirchhofstraße wurde nach der Einrichtung der Sommerstraße von den Verkehrsteilnehmern als deutlich sicherer bewertet (Bild 3). Auch objektiv konnte ein Sicherheitsgewinn erzielt werden: Durch das in der Sommerstraße geltende Nutzungsverbot für Kfz konnten potenziell sicherheitskritische Interaktionen zwischen ungeschützten Verkehrsteilnehmern und Kfz unterbunden werden. Auch ließen sich an den Beobachtungstagen in der Sommerstraße keine Konflikte oder Kollisionen zwischen Radfahrern und Fußgängern beobachten. Das gelungene Miteinander war dabei durch angepasste Geschwindigkeiten und eine gegenseitige Rücksichtnahme gekennzeichnet. Lediglich im Bereich der Einfahrt der Sommerstraße konnten infolge einer zur Verkehrsberuhigung eingerichteten Engstelle geringere Abstände zwischen Verkehrsteilnehmern beobachtet werden, wodurch sich ein gewisses Optimierungspotenzial hinsichtlich der Verkehrsführung im Eingangsbereich der Sommerstraße ableiten lässt. Das hohe Sicherheitsniveau in der Sommerstraße zahlt sich aus: So konnte der Kinderanteil der beobachteten Personen in der Kirchhofstraße deutlich gesteigert werden (Bild 5). Fraglich ist indes, warum die Anzahl von Personen in der Kirchhofstraße insgesamt zurückgegangen ist. Ursächlich hierfür könnte ein jahreszeit- und ferienbedingt typischer Rückgang des Gesamtverkehrsaufkommens gewesen sein.

Bild 5: Anzahl Fußgänger (FG) pro 24 Stunden in der Kirchhofstraße und relativer Anteil an Kindern

Verkehr und Gewerbe rund um die Sommerstraße
Aus den durchgeführten Verkehrszählungen wird deutlich, dass das geringe Kfz-Verkehrsaufkommen in der Kirchhofstraße (404 Kfz pro 24h) ohne Probleme von den umliegenden Straßen aufgenommen werden konnte, auch wenn eine leichte Steigerung des Kfz-Verkehrsaufkommens in den umliegenden Straßen beobachtet wurde.

Darüber hinaus kann festgestellt werden, dass trotz der insgesamt 11 Parkstände, die infolge der Einrichtung der Sommerstraße weggefallen sind, keine Überlastung der angrenzenden Parkgelegenheiten eingetreten ist (Bild 6). Auch Nachteile für das angrenzende Gewerbe waren aus der Befragung der Besucher der Sommerstraße nicht ersichtlich. So bewerteten diese den Besuch von Einzelhandel und Gastronomie in der Nähe der Sommerstraße im Mittel als leicht verbessert (Bild 3). Auch aus der Befragung der Gewerbetreibenden konnten keine nachteiligen Effekte der Sommerstraße abgeleitet werden. Aus der aufgrund der kleinen Stichprobe nur bedingt belastbaren Befragung der Gewerbetreibenden wurde allerdings deutlich, dass die Sommerstraße sowohl bei den Gewerbetreibenden wie auch bei deren Kundinnen und Kunden wenig bekannt war. Auch 54 % der befragten Besucher der Sommerstraße gaben an, lediglich zufällig von dieser erfahren zu haben und entsprechend vorab nicht informiert gewesen zu sein. Durch eine engere Einbindung des Gewerbes und eine Verstärkung kommunikativer Maßnahmen könnten also weitere Potenziale gehoben werden.

Bild 6: Parkraumauslastung

Sommerstraße in der Kirchhofstraße – ein Erfolgsmodell
Das Projekt lieferte Erkenntnisse zu Potenzialen für die Realisierung einer Sommerstraße in Fellbach. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Einrichtung der Sommerstraße in Fellbach als Erfolg zu bewerten ist. Sie kam bei den Befragten gut an, war sicher und hat das Verkehrsgeschehen sowie das umliegende Gewerbe nicht beeinträchtigt. Dennoch lassen sich aus der Befragung Optimierungspotenziale für zukünftige Sommerstraßen ableiten: So gaben die Befragten im Rahmen eines Freitextfelds u. a. an, sich eine verbesserte Ausstattung der Sommerstraße, bspw. mehr Sonnenschutz, mehr Pflanzen oder Spielgeräte, zu wünschen. Ebenso wurde eine stärkere Verknüpfung der Sommerstraße mit gastronomischen oder anderen gewerblichen Angeboten und einer Ausweitung der Veranstaltungen gewünscht. Ein weiteres häufig angebrachtes Thema war die Gestaltung der Straße. Hier sollte zukünftig von der Nutzung von Warnbaken oder ähnlichen Materialien, die einen Baustellencharakter in der Sommerstraße erzeugen, abgesehen werden.

Darüber hinaus lassen sich erste Hinweise zur Gestaltung und Umsetzung von Sommerstraßen allgemein ableiten. So erscheint eine weniger stark befahrene Straße mit geringerem Parkdruck prinzipiell für die Einrichtung einer Sommerstraße geeignet. Wichtig ist hierbei aber die richtige Kommunikation der Maßnahme, um deren Bekanntheitsgrad zu steigern und so die Akzeptanz für die Sommerstraße zu erhöhen. Hierbei sollte das angrenzende Gewerbe eng beteiligt werden. Basierend auf den Wünschen der Befragten wäre zu prüfen, ob die Sommerstraße auch (zeitweise) für gewerbliche Angebote genutzt werden kann.

Weitere Informationen
Bundesanstalt für Straßenwesen
D-51427 Bergisch Gladbach
www.bast.de