Verkehrssicherheit

Studienergebnisse zur Sicherheit von Lieferdienstfahrern vorgestellt

Fahrerinnen und Fahrer App-basierter Lieferdienste für Essen, Lebensmittel und Waren prägen seit der Covid-Pandemie zunehmend das urbane Stadtbild. Doch der Arbeitsalltag der sogenannten „Delivery Rider“ ist mit erheblichen Verkehrsrisiken verbunden. Eine am 8.7.2026 veröffentlichte Studie der Technischen Universität Dresden im Auftrag des Deutschen Verkehrssicherheitsrates (DVR) zeigt eine hohe Unfallbelastung: Innerhalb eines Zeitraums von zwölf Monaten wurde eine Ereignisrate von 0,9 Unfällen pro Person festgestellt. Im Durchschnitt erlebten damit alle Lieferdienstfahrerinnen und -fahrer knapp einen Unfall pro Jahr.

„Die Studie belegt, dass der Straßenraum für Riderinnen und Rider mit besonderen Risiken verbunden ist. Wenn neue, fahrradbasierte Geschäftsmodelle unsere Städte verändern, darf dieser Wandel nicht zulasten der Menschen gehen, die ihn ermöglichen. Der Schutz der Gesundheit von Lieferdienstfahrerinnen und -fahrern muss immer Vorrang haben.“
Manfred Wirsch, Präsident des DVR

Lieferdienst-Unfallquote branchenübergreifend hoch
Um das Unfallrisiko von Riderinnen und Ridern mit anderen Branchen vergleichen zu können, berechneten die Forscher die Tausend-Mann-Quote, die angibt, wie viele von 1.000 Vollzeitbeschäftigten pro Jahr einen meldepflichtigen Arbeitsunfall erleiden. Das Ergebnis ist alarmierend: Mit ca. 298 Betroffenen liegt die Unfallquote der Lieferdienstfahrerinnen und -fahrer deutlich über den Vergleichswerten anderer Wirtschaftszweige. Zum Vergleich: In der Verkehrswirtschaft, Postlogistik und Telekommunikation lag die Unfallquote im Jahr 2024 durchschnittlich bei ca. 34 Betroffenen.

Große Gefahr bei Berufseinsteigern und in der Lieferdienst-Rushhour
Riderinnen und Rider mit weniger als einem Jahr Erfahrung weisen im Durchschnitt eine Rate von etwa fünf Unfällen pro Jahr auf. Mit zunehmender Tätigkeitsdauer nimmt dieser Wert kontinuierlich ab und stabilisiert sich ab einer Berufserfahrung von drei Jahren bei etwa einem Unfall pro Jahr.

Besonders häufig ereignen sich Unfälle während der klassischen Lieferdienst-Rushhour zwischen 18 und 21 Uhr, wenn das Bestellaufkommen besonders hoch ist. Rund die Hälfte aller Unfälle fällt in diesen Zeitraum, der häufig von Zeitdruck und Dunkelheit geprägt ist.

Häufige Unfallursachen: Witterung und mangelhafte Infrastruktur
71 % der erfassten Verkehrsunfälle von Lieferdienstfahrerinnen und -fahrern sind Alleinunfälle. Als häufigste Ursache nannten 72 % der Befragten rutschige Oberflächen durch Laub, Nässe oder Eis. Weitere relevante Faktoren sind unebene Untergründe durch Schlaglöcher oder Baumwurzeln (37 %), Straßenbahnschienen (32 %) und Bordsteinkanten (24 %). Auffällig sind Unterschiede zwischen verschiedenen Fahrradtypen: Pedelecfahrer stürzen aufgrund glatter Oberflächen deutlich häufiger als Personen auf Fahrrädern ohne Motorunterstützung (50 gegenüber 37 %).

Bei Kollisionen mit anderen Verkehrsteilnehmern waren am häufigsten Pkw-Fahrer (23 %) sowie Fußgänger (19 %) beteiligt. Das sogenannte Dooring – also Unfälle durch plötzlich geöffnete Autotüren parkender Fahrzeuge – machte 11 % aller Unfallsituationen aus.

Jeder zweite Unfall endet mit Verletzungen
Bei etwa jedem zweiten Unfall erlitten Riderinnen und Rider Verletzungen. Besonders betroffen waren Beine und Füße (73 %) sowie Schultern, Arme und Hände (62 %).

Zudem deckte die Studie eine erhebliche Dunkelziffer auf: 26 % der verunfallten Lieferdienstfahrerinnen und -fahrer haben noch nie einen Unfall an ihren Arbeitgeber gemeldet. Lediglich 12 % meldeten ausnahmslos jeden Unfall. Während Unfälle mit einer Arbeitsunfähigkeit von mindestens vier Tagen – der gesetzlichen Meldeschwelle – zu 94 % gemeldet werden, bleiben Unfälle ohne längere Krankschreibung häufig unerfasst: 53 % verzichteten in diesen Fällen auf eine offizielle Meldung.

Handlungsansätze für Arbeitgeber, Kommunen und Präventionsakteure
Aus den vorliegenden Ergebnissen wurden erste Handlungsansätze abgeleitet. Entscheidend ist, das komplexe Zusammenspiel verschiedener Einflussfaktoren gemeinsam zu betrachten: Qualität und Quantität der Radinfrastruktur, Fahrerfahrung, Risikokompetenz, Witterungsverhältnisse, Zeitdruck und Routenplanung.

Dort, wo Beschäftigungsverhältnisse von Riderinnen und Ridern unklar sind – bspw. infolge von Subunternehmerstrukturen – muss zunächst die Verantwortlichkeit als Arbeitgeber klar zugeordnet werden. Nur so können die Präventionsangebote der Berufsgenossenschaften die Beschäftigten tatsächlich erreichen. Derzeit bereitet das Bundesministerium für Arbeit und Soziales die nationale Umsetzung der EU-Richtlinie zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Plattformarbeit vor. Zeitgemäße Regeln für Arbeitsschutz und Transparenz in der plattformgetriebenen Wirtschaft müssen dabei auch auf mehr Verkehrssicherheit zielen.

Arbeitgeber müssen zudem die technische Ausgestaltung ihrer Plattformen weiterentwickeln. Sinnvoll sind verpflichtende Schlechtwetterregeln mit automatischen App-Pausen sowie witterungsangepasste Routenempfehlungen. Während der abendlichen Stoßzeiten sollten zusätzliche Zeitpuffer in die Lieferalgorithmen integriert werden. Ergänzend sind verpflichtende Schulungen zu den zentralen Sturzursachen sowie ein schnelles, mehrsprachiges App-Reporting für Unfälle notwendig. Leitfäden für einen konstruktiven Umgang mit Fehlern – sogenannte „No-Blame-Leitfäden“ – können Lieferdiensten helfen, eine angstfreie Kultur bei Unfallmeldungen zu etablieren.

Die Kommunen sind gefordert, Radverkehrsanlagen sicher, durchgehend und regelwerksgerecht zu planen, regelmäßig zu prüfen und ganzjährig verkehrssicher zu halten. Zudem sollten im städtischen Raum Lieferbereiche geschaffen und beschildert werden, um gefährliches Parken auf Gehwegen zu verhindern.

Die Lieferdienstfahrerinnen und -fahrer selbst wünschen sich mehrsprachige digitale Kurzinformationen für das Smartphone, etwa zu den wichtigsten Risiken. Gemeinsam mit Präventionsakteuren und Unternehmen sollte der DVR deren Entwicklung unterstützen. Die Studie zeigt außerdem: Erfahrungen mit dem Fahrradfahren in Kindheit und Jugend sind ein relevanter Faktor für das Unfallrisiko. Besonders Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger sowie Personen mit geringer Fahrraderfahrung sollten daher gezielt in der Präventionsarbeit angesprochen werden.

„Hinter jeder Lieferung steht ein Mensch. Es ist nicht akzeptabel, dass Riderinnen und Rider täglich ihre Gesundheit aufs Spiel setzen müssen. Erste Handlungsempfehlungen liegen auf dem Tisch – jetzt müssen wir sie umsetzen, um unsere Straßen von Gefahrenzonen in sichere Arbeitsplätze weiterzuentwickeln.“ Manfred Wirsch, Präsident des DVR

Hintergrund: Wer sind die „Delivery Rider“?
Die befragten Lieferdienstfahrerinnen und -fahrer sind überwiegend männlich (93 %), im Durchschnitt 30 Jahre alt und zu 75 % im Ausland aufgewachsen. Die häufigsten Herkunftsländer sind Indien, Bangladesch, Pakistan, die Türkei und Syrien. Rund 70 % verfügen über einen Bachelorabschluss oder eine höhere akademische Qualifikation. Für ihre Arbeit nutzen die Riderinnen und Rider mehrheitlich Pedelecs (63 %), gefolgt von konventionellen Fahrrädern (34 %).

Über die Studie
Die Studie „Sicher unterwegs auf zwei Rädern: Verkehrsunfälle und Präventionspotenziale im Arbeitsalltag von Rider*innen“ wurde von der Professur für Verkehrspsychologie der Technischen Universität Dresden im Auftrag des Deutschen Verkehrssicherheitsrates und in Zusammenarbeit mit diesem durchgeführt. Online befragt wurde eine Stichprobe von 709 aktiven Fahrern von Fahrrädern, Pedelecs und Lastenrädern im urbanen Raum. Die Erhebung fand vom 18.2. bis zum 19.4.2026 statt.

Die Studie wurde von Dipl.-Psych. Juliane Anke, Simon Heintzen (M. Sc.), Clara Moeller (B. Sc.) und Prof. Dr. rer. nat. habil. Tibor Petzoldt erarbeitet. Seitens des DVR wurde das Projekt von Dr. Coline Kuche, Claire Borowski und Kay Schulte umgesetzt.

Bild 2: Cover der Studie „Sicher unterwegs auf zwei Rädern“ (Quelle: DVR)

Weitere Informationen
Deutscher Verkehrssicherheitsrat (DVR) e. V.
D-10117 Berlin
www.dvr.de