Interview
Ein Gespräch mit Dr.-Ing. Matthias Zimmermann, dem Leiter der Abteilung Straßenentwurf und -betrieb am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), über neue Anforderungen, nachhaltige Lösungen und das Kolloquium Straßenbetrieb 2025 in Karlsruhe.
Herr Dr. Zimmermann, Sie leiten am KIT die Abteilung Straßenentwurf und -betrieb. Was hat Sie persönlich zu diesem Themenfeld geführt?
Dr. Zimmermann: Ganz persönlich kam ich mit dem Straßenbetriebsdienst bereits in meinem Studium in Darmstadt in Verbindung. Prof. Durth hatte dort ja das Thema lange geprägt und auch die Wurzeln des Kolloquiums Straßenbetrieb gelegt. Prof. Roos und ich hatten den Straßenbetrieb dann auch beide mit nach Karlsruhe gebracht und als wichtigen Teil des Lebenszyklus einer Straße in Lehre und Forschung etabliert. Auch wenn es manchmal etwas vergessen wird in der öffentlichen und politischen Wahrnehmung, reicht es eben nicht, Verkehrswege zu planen und zu bauen, sondern auch, die vielen bestehenden Verkehrswege unter sich verändernden Rahmenbedingungen dauerhaft funktional und sicher zu betreiben.
Was begeistert Sie besonders an der Kombination aus Forschung und Praxis?
Dr. Zimmermann: Wir können konkrete Probleme aus der Praxis systematisch untersuchen, Lösungen entwickeln und anschließend direkt in die Anwendung bringen – idealerweise gemeinsam mit den Akteuren vor Ort. Es war mir immer schon wichtig, dass wir bei Forschungsprojekten auch im Auftreten vor Ort gezeigt haben, dass wir die Mitarbeiter der Meistereien und ihre Sicht der Dinge ernst nehmen – und gleichzeitig am KIT für die zugehörigen Analysen die notwendige theoretische Tiefe parat haben.
Impulse für die Praxis: Das Kolloquium als Plattform
Im September findet am KIT das Kolloquium „Straßenbetrieb 2025“ statt. Welche Ziele verfolgen Sie mit der Veranstaltung?
Dr. Zimmermann: Wir möchten ein Forum bieten, in dem Fachpraxis, Forschung und Verwaltung miteinander auf Augenhöhe in den Dialog treten – und bewusst auch mit dem Blick außerhalb des reinen Betriebsdiensts. Der Straßenbetrieb steht aktuell vor vielfältigen Herausforderungen: Klimaanpassung, alternative Antriebe, Digitalisierung, Ressourcenknappheit. Gleichzeitig beobachten wir ein enormes Innovationspotenzial. Das Kolloquium will Mut machen, neue Wege zu gehen – durch Austausch, Anwendungsbeispiele und Inspiration.
Was unterscheidet das Kolloquium von anderen Fachveranstaltungen?
Dr. Zimmermann: Viele andere große Kongresse der FGSV beinhalten das Spektrum einer ganzen Arbeitsgruppe. Dass sich für das Kolloquium, das „nur“ zwei Arbeitsausschüsse repräsentiert, ähnlich viele Teilnehmer anmelden, zeigt letztendlich, dass wir einen sehr breiten Bereich adressieren – und dass Betriebsdienst in sehr vielen Institutionen eine Rolle spielt. Gleichzeitig verbergen sich hinter den beiden Arbeitsausschüssen – Straßenbetrieb und Winterdienst – viele Themen mit gleichzeitig hoher Relevanz: Zum einen sprechen wir über neue Winterdienststrategien ebenso wie über biodiversitätsfreundliche Grünpflege oder den Beitrag des Straßenbetriebs zum Katastrophenschutz. Zum anderen spielt der persönliche Austausch eine zentrale Rolle – ob in der Fachausstellung, im Rahmenprogramm oder bei der gemeinsamen Diskussion. Wir sind sehr froh, dass wir nunmehr seit über 20 Jahren im Audimax des KIT ideale Rahmenbedingungen für die Betriebsdienstfamilie bieten können.
Zukunftsthemen im Fokus: Nachhaltigkeit, Klimaanpassung, Digitalisierung
Was sind aus Ihrer Sicht die inhaltlichen Highlights des diesjährigen Programms?
Dr. Zimmermann: Als einen wesentlichen Programmpunkt sehe ich gleich den Einführungsvortrag von Prof. Oeser als Präsident der Bundesanstalt für Straßen- und Verkehrswesen (BASt). Ich erwarte mir von ihm persönlich, aber eben auch als Präsident der Forschungsstelle des deutschen Straßen- und Verkehrswesens Impulse für die Themen und Herangehensweisen von morgen. Schließlich haben es Themen des Straßenbetriebs oft schwer bei den Forschungsprogrammen. Auch wenn wir wie in jedem Jahr jeweils einen Tag dem Sommer- und dem Winterdienst widmen, finde ich zwei Themen besonders erwähnenswert, die technisch und personell verdeutlichen, dass Betriebsdienst eine Ganzjahresaufgabe ist: Elektromobilität mit all ihren technischen und organisatorischen Fragen – und die neue „Richtlinie für die Anlage von Meistereien (RAM)“ der Zukunft, die eben auch für alle Tätigkeiten eine möglichst ideale Basis bieten müssen.
Der Straßenbetrieb wird oft auf die Arbeit des orange gekleideten Personals an den Straßen reduziert. Warum greift das zu kurz?
Dr. Zimmermann: Weil sich das Aufgabenprofil längst gewandelt hat. Der moderne Betriebsdienst sorgt nicht nur für Verkehrssicherheit, sondern gestaltet aktiv mit – sei es durch smarte Systeme, neue Geräte oder ökologische Pflegekonzepte. Besonders sichtbar wird das etwa bei der Umsetzung von Maßnahmen zur CO₂-Reduktion oder im Biodiversitätsmanagement. Auch der Betriebsdienst muss seinen Beitrag bei diesen wichtigen gesamtgesellschaftlichen Fragen leisten, gleichzeitig aber seine Aufgaben mit einer sehr hohen Zuverlässigkeit verrichten können.
Von der Strategie zur Umsetzung: Was brauchen wir jetzt?
Was beobachten Sie im Hinblick auf die Umsetzungsbereitschaft in Verwaltung und Betrieb?
Dr. Zimmermann: Die Bereitschaft ist grundsätzlich da – viele Meistereien, Landesbetriebe und Kommunen sind sehr offen für neue Lösungen. Was oft fehlt, ist die personelle und finanzielle Kapazität für die Umsetzung. Und ehrlicherweise müssen wir auch immer wieder feststellen, dass der Betriebsdienst zwar einen großen Anteil der Beschäftigten der Verwaltungen aus- macht, das Standing aber nicht überall so groß ist. Hier kann ein Kolloquium wie unseres helfen: Es zeigt, was möglich ist, liefert Argumente und hilft beim internen Überzeugungsprozess. Vor allem die Praxisbeispiele machen Mut und zeigen, dass Wandel nicht nur nötig, sondern auch machbar ist.
Welche Rolle spielen Katastrophenvorsorge und Klimaanpassung künftig im Betriebsdienst?
Dr. Zimmermann: Eine sehr zentrale. Die Ahrtal-Flut hat uns das dramatisch vor Augen geführt. Straßenbetriebsdienste werden künftig stärker in übergreifende Krisenstrukturen eingebunden sein. Dafür braucht es klare Zuständigkeiten, Schulungen und angepasste Infrastrukturen. Gleichzeitig müssen Verkehrsflächen resilienter werden – durch geeignete Entwässerung, angepasste Materialien oder digitale Überwachungssysteme. Der Betriebsdienst wird also immer mehr auch zum Risikomanager.
Menschen im Mittelpunkt: Nachwuchs, Austausch, Perspektive
Was können junge Fachkräfte vom Kolloquium erwarten?
Dr. Zimmermann: Einen kompakten Überblick über ein hochaktuelles Berufsfeld, in dem Technik, Nachhaltigkeit und Praxis eng verzahnt sind. Besonders wertvoll ist die Möglichkeit zum direkten Austausch mit erfahrenen Praktikerinnen und Praktikern sowie mit Forschern. Zudem erhalten Studenten stark vergünstigten Zugang – wir möchten sie gezielt einbinden, auch als zukünftige Mitgestalter des Straßenbetriebs.
Was wünschen Sie sich persönlich vom Kolloquium 2025?
Dr. Zimmermann: Ich wünsche mir lebhafte Diskussionen, spannende Impulse und viele neue Kontakte. Und ich wünsche mir, dass die Teilnehmer Karlsruhe mit dem Gefühl verlassen, dass der Betriebsdienst ein zukunftsorientiertes, vielfältiges und gestaltbares Arbeitsfeld ist. Wir alle können dazu beitragen, dass unsere Straßeninfrastruktur nachhaltiger, resilienter und innovativer wird.
Herr Dr. Zimmermann, vielen Dank für das Gespräch.